Mit ‘Reichtum’ getaggte Beiträge

Mit verständlichem Bangen verfolgen viele Menschen die neue Schifffahrtstragödie vor der italienischen Küste. Das Schicksal von 28 Menschen aus der „Costa Concordia“ ist noch ungeklärt, sind sie ertrunken, noch irgendwo im Schiff eingeschlossen? Von sieben Toten weiß man bereits. Der Kapitän hat offenbar frühzeitig, wenn sich auch nicht „vom Acker“ gemacht, so doch als „Ratte das sinkende Schiff verlassen“, nachdem er durch ein spektakuläres wie unsinniges Manöver die Katastrophe herbeigeführt hat. Man hat durchaus Recht, sich über diese Dinge aufzuregen.

Was ist das gegen…?

Wie es vielen Menschen in dieser Gesellschaft, gefördert durch jahrzehntelange mediale Manipulation, naheliegt, starrt man auf das Greifbare, auf das Personalisierte. Waren nicht viele der Passagiere Menschen wie „wir“ (nur etwas reicher)? Brave Mitteleuropäer, vielleicht die wohlverdiente Rente auf einer lang ersparten Kreuzfahrt genießend? Ja, man neide ihnen den leider grausam geendeten Spaß nicht, aber vergesse auch nicht, dass schon so viele Menschen in die Altersarmut gerutscht sind, dass sie nicht einmal wissen, wie sie ihr Leben noch einigermaßen anständig organisieren können oder jetzt schon in der „HARTZ IV-Hölle“ schmoren, die sich dann eben als Qual der Altersarmut fortsetzen wird. Man vergesse darüber nicht, dass viele Arbeitende nicht einmal mehr von ihrer Arbeit anständig leben können. Man vergesse nicht, dass täglich Menschen im Mittelmeer ertrinken, bei dem Versuch, dem vom Westen mit Hilfe der willigen Kollaborateure in ihrem Kontinent Afrika angerichteten Desaster von Kriegen, Hunger und Krankheit zu entfliehen. Man vergesse nicht, dass an der gegenüberliegenden Küste Abertausende von Menschen in Libyen zu Tode gekommen sind, bei dem imperialen „Bomben zum Schutz des Libyschen Volkes“ und in den Wirren weitere Menschen hingeschlachtet oder zu Tode gefoltert werden (dabei bin ich weit von einer „Heiligsprechung“ Gaddafis entfernt). Nun kurz gesagt, es ist nicht angebracht, extremes Leid gegeneinander aufzurechnen, aber die mediale Tour, die Aufmerksamkeit auf solche Vorkommnisse zu verengen, ist sehr gefährlich, zumal die Kriegstrommeln schon wieder gegen Syrien und den Iran gerührt werden!

Die Symbolik des Desasters

Auch auf die Gefahr hin, dass einige Leser wütend aufheulen und sagen: ja, die linke Sucht, alles zu ideologisieren, das Unglück hat Symbolcharakter, genauso, wie seinerzeit der Untergang der „Titanic“. Auch, wenn sich die Zahl der Opfer nicht vergleichen lässt, auch, wenn sich auf „Superschiffen“ nicht mehr die Ärmsten der Armen in den unteren Decks drängen, für die schon von vornherein kein Platz mehr in den Rettungsbooten vorgesehen ist. Viel hat die Schifffahrtstechnik fraglos aus der damaligen Katastrophe gelernt, viele sinnvolle Konsequenzen gezogen. Aber die Logik des Kapitals hat auch für neue Risiken gesorgt.

Schauen wir uns die neuen Luxusliner an. Mehr schwimmende Bettenburgen als Schiffe. So hoch aufgetürmte Decks, dass man sich wundert, dass nicht viel mehr Kreuzfahrtschiffe kentern. Breite Glasfronten statt stabiler „Bullaugen“ schon ziemlich dicht über der Wasserlinie, die bei gewaltigen Wellen brechen können und auch viel mehr Wassereintritt erlauben, als eben zerschlagene „Bullaugen“. Eine fraglos hochentwickelte Steuerungs- und Stabilisierungstechnik, die unter normalen Umständen mit dem „Joy-Stick“ zu bedienen ist und das Gefühl für die Ausmaße (und die Anfälligkeit) so eines Monstrums schwinden lässt. Was den Passagieren den hochbezahlten Komfort ermöglicht (und damit der Reederei tolle Profite), erzeugt eben „gut Wetter“-Kapitäne, die sich eilig davon machen, wenn sie durch eine Katastrophe überfordert werden. Aber kennt man das nicht auch von Leuten, die am Computer Millionen oder Milliarden bewegen und sich beim Crash aus dem Staube machen? Allerdings können die Millionen von Menschen ins Unglück stürzen, ohne dass ihnen das droht, was dem verantwortungslosen Kapitän der „Costa Concordia“ nun zu Recht droht.

Zahlen müssen immer andere

Nun ist auch dieses Unglück noch nicht ausgestanden. Ob sich die durch das Schweröl drohende Umweltkatastrophe durch Abpumpen abwenden lässt, ist keineswegs sicher. Dass nicht zusätzliche Menschen beim Rettungsversuch an dem nicht wirklich stabil liegenden Schiff zu Tode kommen werden, ist auch nicht auszuschließen. Auch die Traumata, die viele (insbesondere ältere Menschen) durch die furchtbaren Erlebnisse davongetragen haben, werden noch mehr Leid und auch gesellschaftliche Kosten verursachen. Von der Gefahr, dass solche Vorkommnisse den Blick auf die ganz großen Katastrohen (die schon eingetretenen wie die drohenden) ist schon die Rede gewesen. Was nun, wenn aus ähnlichen Bedingungen und Verhaltensweisen heraus eine ähnliche Schiffskatastrohe weitab von Rettungsmöglichkeiten eintritt?

Aber die Symbolik geht darüber hinaus

Die ganze imperiale Globalisierungs-Entwicklung mit ihrer letztlich jede Nachhaltigkeit vernachlässigenden Profitgier (die systemisch angelegt ist) fragt für die große Zahl der Menschen nicht wirklich nach der Sicherheit im schlimmsten Falle, weder in der Atomtechnologie, noch in der Rohstoff- und Umweltpolitik, noch in der „Sicherheitspolitik“. Ganzen Ländern im Pazifik, im Indischen Ozean, aber auch vergleichsweise großen Ländern wie Bangladesch droht das „Absaufen“ oder gerade Ländern in Afrika das das Austrocknen. Imperiale Kriegspolitik beschwört über den Schrecken des „konventionellen“ Krieges sogar wieder den Horror atomarer Auseinandersetzungen heraus. So, wie vielleicht das gefährliche Manöver, dem das Schiff zum Opfer gefallen ist, vielleicht von der Reederei gern gesehene Reklameaktion war, für den der Kapitän dann (auch zu Recht) die Folgen trägt, sitzen die Profiteure immer „im Trockenen“! Oder „Rettungsboote“ sind für sie immer erreichbar, auch in Form von Privatfliegern oder gut bewachten „Resorts“, sei es auch in neuen Bunkeranlagen, wie sie in den USA erneut „in Mode“ kommen, während für die „armen Schlucker“ Sicherheitslager gebaut werden (http://tinyurl.com/44usvo6 & http://tinyurl.com/y8qgpa5). Die Weltgesellschaft gleicht doch noch mehr der Titanic als den heutigen Luxuskreuzfahrt-Schiffen.

Andreas Schlüter

Es scheint nun so zu sein, dass die Demokratie-Bewegung sich wirklich mit der Geschwindigkeit eines Feuers ausbreitet. Erfolge bestehen im Sturz zweier Potentaten, in Tunesien und in Ägypten. Keine Frage, es wird noch erheblich mehr Tote geben, so furchtbar, wie das ist. Lybiens Potentatenspross, der Sohn des „neuen“ Freundes des Westens, Gaddafi, hat bereits den Bürgerkrieg angekündigt. Auch im Sudan könnte der Volkszorn entflammen. Algerien, Marokko, Jordanien, Bahrain sind „infiziert“ vom „Demokratie-Virus“. Auch brennt es z. B. in Lybien, wobei bei den vermeintlichen Gewaltexzessen nie so ganz klar ist, wer ein Interesse am Zündeln hat (siehe die Untaten von Mubaraks Plünderern und Schlägertrupps). Vielleicht soll das Feuer in Lybien auch im Westen für Alibis sorgen. Auch dies ist deutlich, der „Sturm“ geht nicht an allen Erdölländern vorrüber. Nur eine gewisse Zahl von ihnen kann den  Protest „wegkaufen“.

Aber viel gefährlicher als die zunehmende Brutalität der in ihrer Herrschaft bedrohten Potentaten ist die im Westen so hochgelobte „Ideologiefreiheit“, mit der man die Unklarheit über gesellschaftliche Konzepte meint. Das besondere Elend der Menschen liegt in Armut, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Über Jahrzehnte ist die Linke in diesen Ländern verfolgt und mundtot gemacht worden. Dafür konnte man hier dann mit dem Finger auf den wachsenden islamischen Fundamentalismus zeigen, und diesen zum Vorwand für die Unterstützung der Repression nehmen.

Der Westen sollte sich nicht täuschen, nur, wenn es linke Bewegungen mit fortschrittlichen und allgemeinwohlorientierten Entwicklungsstrategien geben wird, werden sich die Probleme der betroffenen Gesellschaften lösen lassen. In Lateinamerika hat man seitens des Westens in den letzten Jahrzehnten vielerorts diese Tendenzen zerstört, daher „mussten“ die USA die Mauer an ihrer Südgrenze bauen. Wenn Europa solche Angst vor der menschlichen „Überschwemmung“ hat, dann sollte es wissen, nur eine wirkliche, selbstgesteuerte und allgemeinwohlorientierte technologisch-wirtschaftliche Entwicklung erlaubt es Menschen, in ihrem Heimatland zu bleiben!

Ein altes Sprichwort sagt: man kann den Kuchen nur haben oder essen, beides geht nicht. Hier muss es heißen: hat man die Reichtümer anderer Länder, bekommt man auch deren Menschen, will man sie nicht, muss man ihnen das ihre lassen. Oder: wenn Ihr ihnen alles nehmt, wird keine „Festung Europa“ sie fernhalten!

Andreas Schlüter