Mit ‘Neokolonialismus’ getaggte Beiträge

Vortragsreihe zu

Weltpolitik und Geostrategie

in sechs Blöcken

von insgesamt zwölf Stunden

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Viele Menschen haben das Empfinden, dass das weltpolitische Geschehen ein absolut unentwirrbares Chaos ist, welches nicht mehr zu durchdringen und zu verstehen ist. Das liegt unter anderem daran, dass von den Mainstream-Medien immer weniger an soliden Hintergrundinformationen geliefert wird. Die neuen Entwicklungen in den USA erhöhen bei vielen Menschen noch das Gefühl der Verunsicherung.

Ein hilfreicher Überblick über die großen Entwicklungslinien des Weltgeschehens und die geostrategischen Leitlinien der Machteliten soll in einer Reihe von sechs Blöcken mit Vorträgen und Gesprächen angeboten werden.

Jeder dieser Blöcke umfasst zwei Stunden.

1. Block: Von der „Wiege bis zur Bahre“

Als der moderne Mensch seine „Wiege“ Afrika verließ, zählte die Menschheit weit weniger Menschen als im Ersten Weltkrieg ums Leben kamen, vielleicht sogar weniger als 100.000. Gewaltige Schübe der Bevölkerungsentwicklung kamen mit der Sesshaftigkeit, den frühen großen Ansiedlungen und dem Entstehen der „Hochkulturen“ vom Niltal über China bis Mittel- und Südamerika. Insbesondere die Entwicklung Afrikas und Asiens war der Entwicklung Europas lange voraus. Erst mit dem Ende des 15. Jahrhunderts änderten sich diese Verhältnisse und Europa griff nach der Weltherrschaft, sehr zum Nachteil vieler Regionen der Welt. Dabei spielte die Entwicklung der Schifffahrt im Mittelmeer und in Zentraleuropa sowie die Übernahme der „Schießkunst“ aus China eine wichtige Rolle.

Viele bemerkenswerte Kulturen und gewaltige Menschenzahlen fielen dem Expansionsdrang europäischer Mächte zum Opfer. Nordamerika, große Teile Mittel- und Südamerikas sowie Australien wurden von Erdteilen ihrer ursprünglichen Bewohner zu Gebieten vorwiegend europäisch-stämmiger Menschen, die Reste der alten Bevölkerung ins Abseits gedrängt und auf lange einer eigenen Perspektive beraubt. Sklavenhandel und Kolonialismus erlaubten Europa die Ansammlung von Mitteln, die letztlich die industrielle Revolution ermöglichten.

Europa wurde zum absoluten Machtzentrum der Welt, sowohl auf Kosten vieler außereuropäischer Kulturen als auch auf Kosten der Menschen, die zunehmend in Europa in kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse gedrückt wurden. Viel von wirklichem Fortschritt in Wissenschaft, Bildung, politischen Verfahren und staatlicher Effizienz ist nicht das Ergebnis „europäischer Werte“, sondern sind Früchte, die weitgehend von anderen Menschen bezahlt wurden.

Die Teilung innerhalb Europas schürte technische und militärische Konkurrenz, was einerseits den Vorsprung der übrigen Welt gegenüber vergrößerte, aber andererseits auch den „Keim des Verderbens“ in sich trug. Das Ende der Vorherrschaft Europas mit seinen widerstreitenden Zentren begann mit dem Ersten Weltkrieg und war danach besiegelt.

2. Block: Die Umkehrung der Verhältnisse

Beim Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich die wirtschaftliche Dynamik in hohem Maße auf den Nordamerikanischen Kontinent verlagert. Dieser war nach den Verbrechen an den Ureinwohnern und mit Hilfe von Sklavenarbeit zu einem neuen Zentrum der industriellen Entwicklung geworden. Die Hoffnung vieler Arbeiter in den Industrieländern richtete sich nach Osten auf das große sozialistische Experiment.

Das Verhältnis zwischen der Seemacht Großbritannien und ihrer „Tochter“, der USA, begann, sich umzukehren, was sich im Zweiten Weltkrieg endgültig manifestierte. Gleichzeitig entfaltete sich das Ringen zwischen See- und Landmächten neu, das der britische Geograf Mackinder Anfang des Jahrhunderts beschrieben hatte. In Asien hatte Japan als erste nichteuropäische (See)-Macht den Sprung ins Industriezeitalter geschafft und ein Vorspiel zur Wiedererstarkung Asiens als weiteres Zentrum der Entwicklung der Welt geliefert.

Schon das tödliche Ringen der europäischen Mächte im Ersten Weltkrieg hatte den Widerstandsgeist gegen Kolonialismus und Ausplünderung in den Kolonien der südlichen Hemisphäre inspiriert und das Thema der Demokratie auf die „Weltagenda“ gesetzt. Im Zweiten Weltkrieg gewann auf Seiten der Alliierten in der Konfrontation mit den Achsenmächten und dem völkermörderischen Rassismus Deutschlands der Antirassismus eine medial-gesellschaftliche Bedeutung, an der sich die Kolonialmächte würden messen lassen müssen. Dies traf aber auch in hohem Maße für das neue „Weltzentrum“, die USA, als „Nicht-Kolonialmacht“ zu.

Die Bedrohung der Revolution in der Sowjetunion schon mit westlichen Expeditionstruppen dort noch in den Zwanziger Jahren und die faschistische Invasion ließen aber auch den Stalinismus als autoritäre Reaktion „gedeihen“ und das sozialistische Experiment gleichzeitig schädigen. Dies machte es erheblich leichter, auch den Arbeitern westlicher Länder gegenüber die große Systemalternative zu diskreditieren. Kurze Zeit aber erschien die Welt einig im Triumph über die Nazi-Barbarei.

3. Block: Kalter Krieg und Dekolonisierung

Die Sowjetunion ging, schwer durch den mörderischen Angriff Nazi-Deutschlands mit 20 Millionen Toten und ungeheuren Verwüstungen beschädigt, aus dem Zweiten Weltkrieg als Gegenspieler des Westens hervor. Schon der Abwurf der beiden US-Atombomben auf Japan war eher ein Zeichen an Stalin als eine militärische Notwendigkeit gewesen. Die USA, auf deren Boden kein Krieg stattgefunden hatte, war die „Werkbank der Welt“ geworden. Sie hatten auch weitgehende politische Dominanz über die Kolonialmächte gewonnen, der Frankreich sich am Längsten widersetzte. Eine wichtige Rolle in der Dominanz der USA spielte die Dollar-Hegemonie und das auf den Vereinbarungen von Bretton Woods basierende Finanzsystem.

Die Dekolonisierung ließ die „Dritte Welt“ ins westliche Bewusstsein eintreten. Charismatische und visionäre Führer dieser Bewegung gaben ihr wichtige Impulse, wurden aber oft brutal von westlichen Geheimdiensten „ausgeschaltet“, wie im Falle Lumumbas im Kongo.

Besonders blutig verlief das Ringen um Fortführung westlicher Dominanz nicht nur in Afrika sondern gerade auch in Ostasien (Korea) und Südostasien (Vietnam, Laos, Kambodscha) Frühzeitig ersetzte vielerorts der „Neo-Kolonialismus“ den offiziellen Kolonialismus. „Statthalter“ der übelsten Sorte sorgten dafür, dass die westlichen Industriestaaten statt der jeweiligen Bevölkerungen von den Schätzen der südlichen Hemisphäre profitierten. Trotz der furchtbaren deutschen Verbrechen durfte der westliche Teil des geteilten Deutschlands, die Bundesrepublik Deutschlands, wegen seiner wichtigen Funktion im „Kalten Krieg“ sich frühzeitig wieder an diesem System beteiligen.

Gewaltige Brisanz entwickelte die Auseinandersetzung um die nahöstlichen Ressourcen, zusätzlich durch die Gründung Israels befeuert. Die Entwicklung dort ließ Israel, Saudi-Arabien (das durch seine Mitwirkung an der Festsetzung „Öl für Dollar“ die US-Währung sicherte) und die Türkei als militärische bzw. ökonomische verlängerte Arme der USA (mit teils massiven Tendenzen zur Eigenständigkeit) in der Region entstehen. Immer wieder drohte die atomare Menschheitsvernichtung, nicht nur durch massive offene Krisen wie Berlin und Kuba, sondern auch durch die Gefahr von falsch interpretierten Radarmeldungen.

4. Block: Demokratie oder Herrschaft des Militärisch-Industriellen Komplexes

Von letzterem sprach mahnend in seiner Abschiedsrede der 34. US-Präsident Eisenhower, wahrlich kein „Linker“. Auch Kennedy warnte in einer Rede kurz vor seinem Tode vor Geheimpolitik und letztlich vor „Verschwörungen“. Der US-Autor Fukuyama schwärmte vom „Ende der Geschichte“, wenn weltweit Demokratie nach westlichem Vorbild herrsche. Verschwindet diese in den USA aber praktisch vor unseren Augen?

Viele Indizien sprechen dafür, dass Kennedy eben den Ambitionen dieses Militärisch-Industriellen Komplexes zum Opfer gefallen ist. Die US-Machtelite entzweite sich immer wieder über Strategie und Taktik in dem Streben um die Weltkontrolle, dabei werden die beiden wesentlichen Fraktionen gerne als „Krieger“ und „Händler“ apostrophiert. Die erste, stark im militärisch-geheimdienstlichen Bereich verankerte Fraktion neigte gewaltsamem Vorgehen zu, Kennedy war von mehr Skrupeln gegenüber den Risiken eines „Weltbrandes“ geprägt und wollte im Ost-West-Konflikt stärker auf Technologie, Wirtschaft und Diplomatie setzen. Seine Ermordung beunruhigte selbst den wahrlich „politischen Finsterling“ Nixon so sehr, dass er immer wieder darauf drang, die CIA möge ihm alle Erkenntnisse hierzu zur Verfügung stellen, was schlicht ignoriert wurde. Massive Anzeichen sprechen dafür, dass man ihm Watergate als Operation „unter falscher Flagge“ anhängte, um seine „Neugier“ zu stoppen. Dabei war das Duo Nixon-Kissinger selbst eine Plage für viele Teile der Welt, unter anderem für den Sturz des demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Allende und die anschließenden Massenmorde in hohem Grade verantwortlich. All diese Dinge geschahen weitgehend vor den formaldemokratischen Gremien der US-Gesellschaft verborgen. Diese Tendenzen zur „Geheimpolitik“ in den USA haben sich seitdem eher verstärkt als abgeschwächt.

5. Block: Run auf die Ressourcen und die „Eiserne Seidenstraße“

Immer dramatischer wird das Ringen um Energievorräte und Rohstoffe. Die Endlichkeit der Vorräte tritt weiter auch ins öffentliche Bewusstsein. „Pic Oil“ (der überschrittene Förderhöhepunkt) ist zwar derzeit hinter (vielleicht politisch motivierten) niedrigen Ölpreisen und dem Hype ums „Fracking“ verborgen, aber in den politischen „Think Tanks“ präsent. Von großer Wichtigkeit sind aber auch gerade „seltene Erden“ und besondere Erze wie Coltan für Computer und Handys, dem in den letzten 18 Jahren acht bis zehn Millionen Menschen im Kongo zum Opfer gefallen sind.

Besonders der Aufstieg der „BRICS-Staaten“ (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) führt zur verstärkten Militarisierung im Westen in dem Bestreben, sie vom Zugriff auf diese Reserven fernzuhalten und die Rohstoffländer des Südens von Handelsalternativen abzuhalten, wovon die in Deutschland, in Stuttgart und Rammstein angesiedelte US-amerikanische Militärzentrale US AFRICOM beredtes Zeugnis ablegt. Die „Freihandels-Religion“ soll diese Länder auch insbesondere an eigener Industrialisierung hindern, damit sie zum ewigen Rohstofflieferanten-Dasein verdammt sind. Auch ist es das Ziel der US-Politik, ein engeres Zusammenrücken seines technologischen Hauptkonkurrenten EU und des Energieriesen Russland zu verhindern.

Von besonderer Bedeutung sind natürlich auch die ökologischen Auswirkungen des global entfesselten Neoliberalismus und seiner in vielfacher Hinsicht verschwenderischen Wirtschaftsweise. Der menschengemachte Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen und verlangt eine weit mehr am Allgemeinwohl und an Nachhaltigkeit orientierte Politik, als dies den neoliberalen Machteliten Recht wäre. Schriften neokonservativer „Think Tanks“ in den USA lassen finstere Alternativen einer Politik, die auf „Entvölkerung“ von Rohstoffregionen zielt, befürchten.

Welche Rolle spielt der militante Islamismus? Ist er nur das Ergebnis rückwärtsgewandten Widerstandes gegen „Globalisierung“ und westliche Arroganz oder von westlicher Politik lange gefördert, um erfolgreiche säkulare antiimperiale Bewegungen im Nahen und Mittleren Osten zu zerstören? Die westliche Unterstützung für solche Bewegungen (zumindest im Ursprung) von den Muslim-Brüdern über die Hamas bis zu den Afghanistan-Kämpfern um Bin Laden sowie den Islamisten in Syrien deutet auf etwas anders hin.

Einen besonderen Albtraum für die US-amerikanische Machtelite (die sich die Analysen des britischen Geografen Halford Mackinder vom Beginn des vorigen Jahrhunderts zu eigen gemacht hat)  stellen die chinesischen und russischen Bemühungen um die „Eurasische Kooperation, manifestiert in der „Eisernen Seidenstraße“ dar. Wirtschaftlich wäre dies für die europäische Industrie außerordentlich interessant, würde aber den Einfluss der USA in der Welt drastisch reduzieren.

Der Verdacht drängt sich auf, dass die US-Politik darauf abzielt, mit verdeckter Unterstützung islamistischer Bewegungen im Nahen und Mittleren Osten sowie mit der Unterstützung faschistoider Kräfte in der Ukraine einen „Sperrriegel“ gegen diese Bemühungen zu errichten. Diese Vermutung wird z. B. durch diverse Äußerungen des neokonservativen Analytikers George Friedman (Stratfor) gestützt.

6. Block: Politische Verschwörungen: Theorie oder Wirklichkeit?

Wohl schon lange wurde in der Politik „über Bande gespielt“, also Ziele und Zwecke verschleiert und die Bürger getäuscht. Aber es gibt besonders flagrante Beispiele, die für die Zukunft nichts Gutes ahnen lassen!

Für Operationen „unter falscher Flagge“ (um sie Gegnern anzuhängen) waren schon die Nazis berüchtigt, der Reichstagsbrand (wahrscheinlich) und der angebliche polnische Angriff auf den Sender Gleiwitz sind „berühmte“ Beispiele. Verwandte Operationen sind Unfälle, die als Sabotage oder Angriffe anderer Nationen ausgegeben werden, wie dies für die Explosion der „Maine“ als Auftakt des Amerikanisch-Spanischen Krieges war. Auch glatte Erfindungen oder maritime Zusammenstöße, deren Ort zum Beispiel in internationale Gewässer „verlagert“ wird, sind vorgekommen, wie dies beim „Tonking-Zwischenfall“ der Fall ist.

Eine klassische Vorlage für große False-Flag-Operationen der USA ist das „Project Northwoods“. Die Chefs der vereinigten Stäbe der US-Streitkräfte arbeiteten nach der gescheiterten „Schweinebucht-Invasion“ von Exilkubanern den Plan für eine Reihe von Terroranschlägen innerhalb und außerhalb der USA mit Toten und Verletzten einschließlich einer fingierten Flugzeugentführung und Abschuss aus. Dies sollte einen Vorwand für eine großmaßstäbige Invasion der USA auf Kuba ergeben. Kennedy stoppte das kriminelle wie hochriskante „Spiel“, danach lebte er nicht mehr lange.

Zu trauriger („Insider“)-Berühmtheit sind auch die „NATO-Geheimarmeen“, nach dem italienischen Ableger „Gladio“ genannt, gelangt. Ihre Geschichte wurde u. a. von dem Schweizer Historiker Daniele Ganser gründlich aufgearbeitet. In Italien führte diese Geheimdienstorganisation u. a. die furchtbare Bombenexplosion im Hauptbahnhof von Bologna durch, um sie der italienischen Linken anzulasten.

Tatsächlich ist die Diskussion um die „dunkle Seite des Westens“ zum Beispiel in den USA weit lebendiger als in Deutschland, wo sich nur wenige namhafte Leute an dieses heikle Thema wagen. Es gilt aber, sich intensiv mit den verdeckten Operationen der US Machtelite zu beschäftigen, wenn man diese Welt gerechter und friedlicher machen will. Und da findet sich bei genügend „tiefer Grabung“ noch sehr viel!

Demokratie funktioniert aber nur mit gut informierten Bürgern, die nicht auf wohlfeile „Narrative“ vertrauen, sondern reale Zusammenhänge durchschauen. Der berühmte Politik-Analytiker (und Linguist) Noam Chomsky hat das in seinem Buch „Media Control“ eindringlich beschrieben. Und er sagt sarkastisch: „Terror ist immer das, was die Anderen tun!“.

Bei Bedarf kann das Konzept sowohl gerafft als auch um bestimmte Themen erweitert werden. Haben Sie Interesse, dann treten Sie bitte mit mir in Kontakt, um die Modalitäten zu besprechen.

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Gambia ist eines der kleinsten Länder Afrikas, aber seine Regierung erscheint als die Mutigste Afrikas. Sie hat eine öffentliche Erklärung abgegeben, die auf Grund des Beispiels der Elfenbeinküste aufs schärfste Anklage gegen den westlichen Imperialismus erhebt und dies in einer Weise, wie das derzeit keiner Regierung des subsaharischen Afrika zuzutrauen ist. Die Erklärung stellt die Kontinuität bis zur Ermordung Lumumbas im Kongo dar, sie stellt auch die selektive Berichterstattung am Beispiel des nachrichtlichen Schweigens zu den Unruhen in Burkina Faso an den Pranger.

http://www.wat.tv/video/gambie-3lxd7_2hpbt_.html

http://news.google.de/news/more?hl=de&q=burkina+faso+aufstand&um=1&ie=UTF-8&ncl=d7fP0JlGSdHg8PMTTJo9_e4NFDmLM&ei=R1esTdSHHIzFswbOwMmfCA&sa=X&oi=news_result&ct=more-results&resnum=1&ved=0CCcQqgIwAA

Andreas Schlüter

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Endlich habe ich es wiedergefunden, im Studentenzimmer meines Sohnes, eines meiner Lieblingsbücher, “A Man of the People“ von Chinua Achebe!
Es wird das fünfte Mal gewesen sein, dass ich es jetzt gelesen habe und wohl kaum das letzte Mal. Zu tief zieht dieses Buch mich in die Zeit zurück, als dass es seine Faszination verlieren könnte.
Über zwanzig Jahre dürfte es her sein, dass ein Freund aus Ghana es mir zum Geburtstag schenkte, aber es geleitet mich viel weiter zurück, in die Zeit, als ich Ende der Sechziger in Hamburg mein Studium begann und alsbald in die sich ausdehnende afrikanische Gemeinschaft integriert wurde. Heute mag dieser Ausdruck von der afrikanischen Gemeinschaft befremden, doch unter den Studenten gab es sie damals, als noch nicht fast jedes afrikanische Land so viele Vertreter in Hamburg hatte, dass man noch nicht einmal seine Landsleute dort kennen konnte.
Aber zunächst zurück zum Buch, dass ich hier besinge. Bescheiden auf knapp eineinhalb Hundert Seiten kommt die Novelle der “African Writers Series“ von Heinemann daher, auch, wenn sie mit einem Blick auf den imposanten Bösewicht des Buches, den ehrenwerten Minister Chief M. A. Nanga beginnt, den “zugänglichsten Politiker des Landes“ Nigeria.
Diesen jovialen und schillernden Minister hat der Ich-Erzähler, Odili Samalu, in der Schule als Lehrer gehabt, an der er nun selbst unterrichtet, der Anata Grammar School. Dort wird ein Besuch des großen Mannes mit viel Pomp und Kriecherei vorbereitet und mit gewaltigem Getöse der örtlichen Jägergilde, die etwas anders vorzustellen ist, als ein deutscher Schützenverein, zelebriert, wenige Jahre nach der Unabhängigkeit Nigerias.
Von vielen Entwicklungen im neuen Staat mit seinen hohen Erwartungen an die Unabhängigkeit bereits nicht wenig verunsichert und ein mittlerweile reservierter Beobachter, kann sich der junge Lehrer, der anders als viele seiner Kollegen ein Universitätsstudium absolviert hat, dann aber der Verführung des Augenblicks nicht entziehen. Als sein nun so prominent gewordener eigener Lehrer sich seiner erinnert und ihn plötzlich in das Scheinwerferlicht zieht, um ihn wie einen alten Freund zu behandeln und schließlich in die Hauptstadt einzuladen, eine Zeit im Gästebereich seines imposanten Hauses zu verbringen, ist er eigentlich Feuer und Flamme.
Wundervoll die schlichte Sprache der auf Englisch geschriebenen Geschichte, auch, wenn sich die im Pidgin gehaltenen wörtlichen Einschübe nicht alle voll erschließen.
Was mich so in den Bann zieht, ist die Vertraulichkeit, die Achebe so spielend mit dem Leser herstellt. Ohne in eine offenherzige Geschwätzigkeit zu verfallen, bringt er den Leser seinem Helden, der fraglos in erster Linie er selbst ist, nahe. Er stellt seine Gefühle sowie die allgemeine Situation so plastisch dar, dass man in seine Haut zu schlüpfen meint! Zu diesem Aspekt aber später mehr.
Unser junger Lehrer, der übrigens gerne seine Studien in England weitertreiben möchte, macht nun in seinen Ferien Gebrauch von dieser Einladung, nicht zuletzt, um seiner Freundin Elsie, einer Krankenschwester, einen komfortablen Unterschlupf für eine erhoffte gemeinsame Liebeszeit bieten zu können. Aber er macht die Rechnung ohne den Wirt, der ihn leider durch großmännischen Donjuanismus zu einer Darstellung seiner Beziehung als von einer gewissen Beliebigkeit verleitet.
Die erste Zeit verbringt Odili allein im Hause des großen Mannes, dessen Korruptheit der Held an vielen Beispielen sieht, sich aber zum stillen Beobachter machen lässt, dessen moralische Stimme durch Vertraulichkeit erstickt wird. Ähnlich “großartig“ wie seine Korruptheit zeigt sich auch Chief Nangas Inkompetenz, noch “still vergnügt“ von Odili registriert.
Minister Nanga, dessen Frau mit seinen Kindern einen Besuch in ihrem Heimatdorf durchführt, sollte eigentlich durch eine Freundin Elsies ein wenig “aufgeheitert“ werden, die aber erkrankt und Odili, seine Freundin und der joviale Minister fahren zu dritt in das Anwesen, wo Nanga Elsie im Schlafraum seiner Frau einquartiert. Odilis Selbstberuhigung, der täte das, um Elsie vor dem Fahrer Peinlichkeiten zu ersparen, erweist sich bald als trügerisch, denn anstatt, dass Lehrer Samalu seine Freundin heimlich in sein Gästezimmer lotsen kann, muss der junge Mann mit brennendem Herzen feststellen, dass Chief Nanga Elsie nicht nur das Zimmer seiner Frau zur Verfügung stellt, sondern auch sich selbst! Und, zu seinem tiefen Schmerz muss er auch hören, dass Elsie seinen eigenen Namen nicht aus Hilfsbedürftigkeit, sondern orgiastischer Gewohnheit schreit!
Mit enormer Meisterschaft schafft Achebe es, dass man sich wie Odili fühlt. In einem wütenden Auftritt muss sich der Arme vom Chief auch noch die Schuld für das Geschehen zuschieben lassen! Wer würde nicht auf Rache brennen!
Die Gelegenheit scheint sich in mehrfacher Hinsicht zu bieten. Ein alter Freund Odilis namens Max, Anwalt und ebenso von Korruption, die der Gehörnte nun auch wieder deutlich sieht, angewidert, ist dabei, mit Freunden und von östlichen Geldgebern unterstützt, eine neue Partei aufzubauen, die bei den Parlamentswahlen Nangas Verein Feuer machen soll. In seinem Wahlbezirk wird Odili Nanga als Kandidat entgegentreten.
Noch delikater aber, Lehrer Samalu hat durch die Frau Nangas, die ihn von seinem ersten Besuch her als Freund der Familie sieht, Kontakt zu einem jungen Mädchen, Edna, aufnehmen können, sie ist als Zweitfrau des großen Mannes vorgesehen. Ist es verwunderlich, dass unser Held an eine doppelte Rache denkt?
Nun, die Sache mit Edna erweist sich naturgemäß als kompliziert und sperrig, dafür entwickelt sich der politische Rachefeldzug vielversprechend. Selbst sein Vater, mit dem es viele Probleme gibt und der ein Parteigänger Nangas ist, unterstützt de facto Odilis Engagement.
Allerdings muss Odili feststellen, dass es auch in der eigenen neuen Partei bald zu einigen bedenklichen Entwicklungen kommt. Aber angesichts der subtilen wie offenen Gewalt, mit der sie sehr schnell behandelt werden, tritt dies in den Hintergrund.
Dann macht Odili aber einen lebensgefährlichen Fehler! Er besucht inkognito eine Wahlveranstaltung seines Erzfeindes, der ihn dort entlarvt und schließlich der Brutalität seiner Meute von gekauften Speichelleckern ausliefert. Schwerverletzt erwacht Odili am Wahltag im Krankenhaus. Es ist zu spät, an der Wahl teilzunehmen.
Sein Freund Max ist von Parteischlägern in Gegenwart eines Parteifreundes und Ministerkollegen Nangas, Chief Koko, mit dem Auto umgebracht worden, worauf Max´ Freundin Chief Koko erschossen hat. Schwer ist das Schicksal über die jungen Idealisten hergefallen!
Aber die alten Bösewichte triumphieren nicht im Erfolg, denn neue Hungrige greifen nach der Macht und ein Militärputsch bringt sie um ihre so skrupellos festgehaltenen Pfründe. Und auch Odilis persönliches Elend wendet sich. Edna erkennt im letzten Moment den Wert des jungen Mannes und er erobert ihr Herz!
Nicht ohne Ironie ist die Ankündigung des Ich-Erzählers, er würde die Kosten für die Heirat von den in seiner Hand verbliebenen Parteimitteln leihen, die wegen des Putsches nicht so schnell benötigt würden. Es gelingt Achebe auch hier meisterhaft, die Verirrungen der Korruption durchsichtig und das Hinübergleiten in diese Verhaltensweisen menschlich zu machen, womit er uns einen tiefen Einblick in die Fallstricke des “Nation Building“ gibt.
Ganz ungeheuer dicht ist diese Erzählung durch ihre Erzählerperson. Auf ein glaubwürdige gesponnenes Szenario hat Achebe sich selbst reagieren lassen und diese Reaktionen penibel beschrieben. Er hat nicht nur die realen Konflikte exemplarisch beschrieben, sondern auch die junge intellektuelle antikoloniale Persönlichkeit zu individuellem greifbaren Leben erstehen lassen, hat in sie hineinschauen lassen!
Was aber macht mir dieses Buch so sehr zur Zeitmaschine? Nun, es war eben die Zeit meines Studienbeginns an der Universität Hamburg, wo ich das Glück hatte, eine ganze Reihe optimistischer und idealistischer junger Menschen aus diversen afrikanischen Ländern kennen zu lernen, die mir so freundlich Einblick in ihre Person gewährten. Was ich entdeckte, war eine mir höchst verwandte Sehnsucht und Stimmungslage. Ich hatte das Glück, soviel über Kindheit und Jugend meiner Freunde zu erfahren, dass sich mir viel vom Leben in der Endphase der Kolonialzeit wie der frühen Zeit in den neu entstandenen Staaten erschloss. Ich kann es nicht anders ausdrücken, diese Gemeinschaft wurde das Umfeld, das mir den Prägestempel eines Zugehörigkeitsgefühls aufdrückte, das mich in meinem weiteren, nun sechsundfünfzig Jahre währenden Leben nicht mehr verlassen sollte.
Im Rückblick kann ich umso vehementer die einzigartige “zeichnerische“ Begabung, die dieses Buch mit seiner überzeugenden Geschichte geschaffen hat, preisen und feststellen, dass Nigeria über einen weiteren würdigen Kandidaten für den Literaturnobelpreis verfügt, der dem verdienten Preisträger Wole Soyinka mindestens ebenbürtig ist. Auch seine übrigen Romane, nicht zuletzt ein bewegender Reigen durch die Geschichte der Ibo-Gesellschaft von der Endphase der Eigenständigkeit bis zum Ende des offiziellen Kolonialismus´, halten das Versprechen dieses Buches, auch wenn aus verständlichen Gründen nicht die Innensicht der Hauptperson erreicht werden kann, wie in diesem Roman. Hier erlebt der Autor direkt in der Gestalt des jungen Helden.
Dreieinhalb Jahrzehnte liegt diese Jugendzeit, in die dieses Buch mich zurückführt, nun zurück und Afrika zeigt ein grauenvolles Bild, das die in “A Man of the People“ gezeichnete Atmosphäre fast als Idylle erscheinen lässt. Dennoch ist diese heutige Wirklichkeit im Buch bereits angelegt. Das Werben von ausländischen Firmen und Einflussagenten, Korruption und Militärputsch, alles ist schon da, wenn auch leutseliger. Aber entscheidend ist die angelegte Gewalt, die von bärbeißigen Leibwächtern und wildgewordenen Fans größenwahnsinniger Polit-Clowns, denen westliche Interessenten die Machtmittel an die Hand geben, über eine brutale Soldateska, die ihre Verhaltensweisen aus den Kolonialarmeen übernommen hat, schließlich fast folgerichtig zu gedopten Kindersoldaten führt!
Und nun stehen die Kräfte, die in der Vergangenheit die Übel zielstrebig gefördert haben, gierigen Blicks auf Uran, Gold, Kupfer, Diamanten und Coltan schauend, bereit, auf Hilferufe aus der Hölle hin “die Dinge in Ordnung“ zu bringen!
Allüberall in Afrika möchten sie die Konflikte so “effektiv“ handhaben, wie sie zum Beispiel den Nahostkonflikt verwalten. Lösen ist nichts, dabei sein ist alles!
Rührend, das Engagement, das mitfühlende und gutherzige Europäer aus Kunst und Kultur für humanitäre Maßnahmen aufbringen. Denen, die bereits in der Hölle aus Bürgerkrieg und AIDS aufs schwerste gelitten haben, können sie nur Gutes tun. Aber wehe, wir würden glauben, dies brächte die Lösung!
Mindestens genauso wichtig ist es, gnadenlos die Machenschaften von Reichen und Mächtigen aus den “Gewehr bei Fuß zur Hilfe bereit stehenden“ Staaten anzuprangern, die Haifischkapitalisten, die bluttriefende Diamanten gegen neues Schießwerkzeug eintauschen, zu entlarven und last not least die verlogenen WTO-Bürokraten aus den reichen Ländern, die von Globalisierung schwätzen, wo es ihnen nützt und gleichzeitig jede eigene bäuerliche Wählerstimme damit umwerben, dass sie den Bauern der “Dritten Welt“ nicht gestatten, ihre Produkte wettbewerbsfähig bei sich zu verkaufen, auf die Füße zu treten. Vielleicht tun manche rabiaten Demonstranten von ATTAC doch mehr für Afrika als Herbert Grönemeier!
Wir müssen gegen einen neuen “Vietnamkrieg“ protestieren, einen, der nicht nur von einer wildgewordenen Militärmaschinerie im nahen und mittleren Osten ausgefochten wird, um den Preis eines in den Wahnsinn gesteigerten Terrorismus, gegen einen Krieg, der von der Gier nach immer mehr und immer Neuem von großen Teilen unserer Wirtschaftsgesellschaft in vielen Teilen der Welt, gerade in Afrika, gefochten wird, den indirekt leider viele Menschen, die es nicht ahnen, mittragen.
Aber, wer die Erzählung mehrschichtig liest, der entdeckt auch etwas weiteres Erschröckliches! Lange haben recht seriöse westliche Politiker ihre Haifischkapitalisten in Afrika, Asien und Lateinamerika wüten lassen, in der Hoffnung, damit die sozialen Kompromisse im Inland, die sie aus Angst vor dem Kommunismus geschlossen hatten, finanzieren zu können. Nun reibe ich mir nicht ganz verdutzt die Augen, und stelle fest, beim Blick auf unsere eigenen Politiker, wir sind von Nangas regiert und “opponiert“!

Andreas Schlüter (geschrieben ca 2003)