Mit ‘Junge Welt’ getaggte Beiträge

Das Recht auf Empörung steht Jedem zu

Keine Frage, jeder Mensch, der unter der fraglos autoritären SED-Herrschaft gelitten hat, jeder Mensch, der durch die Mauer Angehörige verloren hat oder nach Fluchtversuchen im Gefängnis gesessen hat, hat das Recht, über die Mauer-Satire der Jungen Welt empört zu sein, wie jeder andere auch. So kann zum Glück überhaupt jeder Mensch sich in einer Demokratie empören, worüber ihr oder ihm Empörung angemessen zu sein scheint.

Auch in einer Partei wie der LINKEn besteht sicher das Recht, sich in seiner Empörung über unterschiedliche Dinge zu erregen. So waren nicht wenige empört, als der Berliner Landesvorsitzende der LINKEn, Klaus Lederer, seinen Auftritt auf einer „Solidaritätsveranstaltung“ für Israel hatte, während dessen Regierung die Bewohner Gazas mit dem grausamen „Sylvester-Scherz“ des „gegossenen Bleis“ traktierte und mit einer deutlich höheren Mauer den Landraub an Rest-Palästina vorantreibt. Dieser Empörung ist auch in offenem Brief Ausdruck verliehen worden. Allerdings kann ich mich nicht an eine Boykott-Aktion erinnern, die dazu aufgerufen hätte, ihn innerparteilich zu verfemen, nach Möglichkeit zu „vernichten“. Auch die sehr wenigen „Nostalgiker“ haben nicht zu seinem Sibirien-Aufenthalt aufgerufen.

Die Heuchler

Freudig hat die Kommerz-mediale Mainstream-Presse den satirischen Fehlgriff einer verdienten linken Zeitung aufgegriffen. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass in diesen Zeitungen, wenn es um historische Figuren wie Friedrich den Großen, Karl den Großen oder sonstige bedeutsame Kaiser und Könige oder andere wichtige Figuren der deutschen Geschichte geht, zuerst einmal darauf hingewiesen würde, was für despotische und grausame „Säcke“ sie gewesen seien, denen nicht wenige Menschen zum Opfer gefallen seien. Ähnliches trifft auf historische Figuren des europäischen oder amerikanischen Auslands zu. Auch die Rückbenennung von Leningrad in St Petersburg, eine Referenz mehr an den Gründer Peter den Großen denn an den Heiligen, wurde als Zeichen der „Befreiung“ gedeutet. Dabei hat der gute Mann, fraglos ein „Erneuerer“, locker viele Tausende armer Russen beim Bau zugrunde gehen lassen. Lesart ist immer, dass man Ereignisse und Figuren „vor dem Hintergrund der Zeit und der Umstände“ (wozu fraglos auch der Ort gehört) bewerten müsse.

Allerdings hört „der Spaß“ bei solchen Leuten auf, die wie unvollkommen auch immer auf „linker“ Grundlage operiert haben. Erst recht dann, wenn sie in den antiimperialistischen Kampf verwickelt sind oder waren. So ist Napoleon akzeptabel, Gaddafi ein „irrer Despot“. Die europäischen Monarchen, die damals gegen die vordringenden Türken kämpfen ließen, sind „Retter Europas“, Fidel Castro ist auch ein zu verfemender Despot, obwohl, genauer, weil er der den „US-Puff Kuba“ geschlossen hat. Dass auch diese Leute gegen die Raubzüge, denen ihre Länder ausgesetzt waren oder sind, kämpfen oder gekämpft haben, ist eben ihr Verbrechen. Wie sagt Noam Chomsky, „Terror ist immer das, was die anderen tun“!

Gaukler

Nun gibt es in der LINKEn Leute, die bedauerlicherweise dieses ahistorische Spiel mitmachen. Es ist selbstverständlich, dass man als Mitglied dieser Partei den Maßstab der Menschlichkeit an Alles legen darf, ja sollte. Es ist auch selbstverständlich, dass man auf keinen Fall die Vorgehensweise gegen Andersdenkende in Kuba loben kann. Es ist selbstverständlich, dass man die LINKE nicht zum Klon der KP Kubas machen will. Da hat man nun Empörung über den Geburtstagsgruß an Fidel Castro durch die beiden Vorsitzenden der LINKEn zur Schau gestellt. Aber bedeuten Grußbotschaften und diplomatische Reden von Politikern der bürgerlichen Parteien an genehme orientalische Despoten oder sonstige autoritäre pro-westliche Machthaber, dass diese Parteien unser Land in ein Spiegelbild des diplomatisch Hofierten Machtbereiches verwandeln wollen? So etwas werden sie weit von sich weisen und auch linke Kritiker unterstellen das nicht. Es geht um Interessen. Als linke Partei sind wir auch dem Antiimperialismus und dem Internationalismus verpflichtet. Wir wollen Kapitalismus und Imperialismus nicht stärken wie das die „Bürgerlichen“ wollen, oder?

Wenn aber linke Politiker sich in die neoliberale Zwangsjacke der bürgerlichen Notenvergabe für Machthaber zwängen lassen, Castro, Gaddafi u. a. „böse“, die libyschen Rebellen „Revolutionäre“, Israels Regierung steht einem „Leuchtturm“ der Demokratie vor etc., dann wollen sie sich entweder den Medien und der manipulierten Öffentlichkeit als „normale“ Partei (selbstverständlich zur Erreichung des „höheren Zieles“) präsentieren, oder sie wollen gleichzeitig ihren GenossInnen vorspiegeln, doch in Wahrheit Linke zu sein, die nur an die Schalthebel wollen, um dann endlich linke Politik zu machen. In jedem Falle sind sie dies: Gaukler!

Hinter die Fichte

Eine unnachsichtige Moral in der Betrachtung von politischen und gesellschaftlichen Vorgängen ist etwas Löbliches. Tiefe Empörung zu grausamem und brutalem Geschehen ist auch etwas Angemessenes. Allerdings kann sie positiv wirken in den Bereichen, wo man direkt oder indirekt wirksam werden kann. Wenn es um komplexe Zusammenhänge geht, muss man sehr genau schauen, dass sie einem nicht von völlig Unmoralischen aus der Hand genommen wird. Und man darf sich nicht an einem blinden Fleck zu einem gegenteiligen Ziel führen lassen.

Ein ausgezeichnetes Beispiel bilden in diesem Zusammenhang immer wieder die „Opium-Kriege“, die insbesondere die Briten in der Mitte des 19. Jahrhunderts führten. Kern des „Problems“ war das Vorgehen Chinas gegen den westlichen Opiumhandel und damit den „Freihandel“. Was würden wir von einem „Linken“ der damaligen Zeit halten, der sich mit der Tatsache, dass China ein Ort der massenweisen Herstellung von „Hofeunuchen“ und der noch zahlreicheren Verkrüppelung von Frauenfüßen war, zur Unterstützung des Krieges hätte verführen lassen, damit in „China endlich Humanität einzieht“? Wir würden zu Recht sagen: den hat man ganz schön „hinter die Fichte“ geführt!

Das wäre die frühe Erfindung des „Menschenrechts-Imperialismus“ gewesen, der natürlich nichts mit Menschenrechten zu tun gehabt hätte. Nun war der öffentliche Diskurs in Großbritannien damals noch nicht so weit, wie auch in anderen westlichen Ländern. Dieses Verfahren der imperialen Kräfte wurde erst später „nötig“. Aber hinter die Fichte führen lassen sich Menschen, deren Moral zwar hochentwickelt ist, deren Informationsstand aber damit nicht Schritt hält, leider allzu gern. Auch bei dem „Krieg gegen die Junge Welt“ geht es nicht um die geschmacklose Mauer-Satire, sondern eben darum, dass sie unter Anderem so ausgezeichnet über diesen „Menschenrechts-Imperialismus“ schreibt, und darüber, wie manche in der LINKEn sich am Nasenring zur Unterstützung führen lassen.

Andreas Schlüter

So brav wie wahrheitsgemäß gebe ich gleich hier am Beginn kund, dass ich es zufrieden bin, in Hamburg und nicht in Ostberlin aufgewachsen zu sein. Bin ich deswegen im „Reich des Guten“ groß geworden? Mitnichten!

„Mein großer Bruder“, der fraglos dafür gesorgt hat, dass mich keine Ostberliner Verhältnisse „heimsuchten“, hat mich mit aus vielen Teilen der Welt Geraubtem gefüttert. Während er versuchte, mich mit Milde gegenüber meinem „Tätervolk“ gewogen zu machen und viele wirkliche Täter entkommen ließ, hat er brutal Menschen anderswo in der Welt von ihrer Freiheit und den Früchten ihrer Arbeit abgehalten, die Köpfe ihrer Freiheitsbestrebungen abgeschlagen (wie Lumumba), dafür gesorgt, dass „unser Öl“ unter „deren Sand“ nicht in deren Hände geriet, faschistische Putsche gesteuert und Hunderttausende von Menschen in Südostasien mit Napalm verbrannt. Er hat das rassistische Apartheidregime in Südafrika gestützt, die Entrechtung der Palästinenser befördert und die Bewohner des Bikini-Atolls verstrahlt. Ach ja, und sogar im eigenen Land auf rassistischer Grundlage Menschen entrechtet und gar für medizinische Experimente missbraucht.

Meine ansatzweise „gemütlichen“ Jugendjahre verdanke ich aber auch der Oktoberrevolution, nicht nur, weil die Rote Armee und die Menschen der Sowjetunion den ungeheuerlichen „Blutzoll“ (ein widerliches Wort) dafür entrichtet haben, dass ich nicht im Nazi-Staat groß werden musste. Keine Frage, die Situation in der Bundesrepublik war für die große Zahl Menschen in der alten „BRD“ so „komfortabel“ wie kaum irgendwo sonst vorher, und bestimmt auch nicht für die große Zahl der Menschen im Lande des „großen Bruders“ selbst. Das teilten wir übrigens mit den Menschen in der DDR, denen es auch im Mittel besser ging als denen im Lande ihres „großen Bruders“. Warum war man so „nett“ zu mir? Weil es den Ostblock gab. Als er verschwand, war´s bald zu Ende mit dem „sozialen Zauber“.

Zur Sache

Wer wirklich etwas über Geschichte wissen will, weiß es: der Westen hatte ein großes Interesse daran, die DDR zu destabilisieren und es ist allerhand unternommen worden, um was dazu zu tun – dass die brutale Hand des Stalinismus´ eine große Zahl an Menschen in der DDR ihr nicht unbedingt gewogen machte, selbstverständlich eingeräumt. Als man dicht vorm Ziel war und das von Moskau hochgradig abhängige Regime sich nicht anders zu helfen wusste, baute es das, an das nach Ulbrichts Bekundungen zwei Wochen vorher angeblich noch niemand gedacht hatte, und am 13. August 1961 wurde die wahrlich grausame Mauer hochgezogen. Und in der Tat, Washington wusste, wie weit man gegangen war. Man wollte schließlich nicht das ganz große Schießen. Man hatte auch einen Teilerfolg erzielt. Die Attraktivität des „anderen Deutschland“ war für noch mehr Bundesbürger dahin, dieselben ihrem großen Bruder noch dankbarer. Der Fluss gefährlicher Gedankenkonzepte weitgehend unterbunden.

Kabarett oder/und Eselei?

Am 50. Jahrestag dieses wahrlich für viele Berliner einschneidenden Ereignisses hat nun die Junge Welt zusammen mit einem Papier aus der LINKEn, das sehr differenziert auf alle Aspekte des damaligen Geschehens eingeht (http://www.jungewelt.de/2011/08-13/003.php?sstr=13082011), auch eine deutlich ironische und kabarettistische „Danksagung“ an diesen historischen Vorgang sowie seine Akteure für bestimmte Folgen der Abschottung veröffentlicht:

„Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke

für 28 Jahre Friedenssicherung in Europa

für 28 Jahre ohne Beteiligung deutscher Soldaten an Kriegseinsätzen

für 28 Jahre ohne Hartz IV und Erwerbslosigkeit

für 28 Jahre ohne Obdachlosigkeit, Suppenküchen und »Tafeln«

für 28 Jahre Versorgung mit Krippen- und Kindergartenplätzen

für 28 Jahre ohne Neonaziplakate »GAS geben« in der deutschen Hauptstadt

für 28 Jahre Geschichtswissenschaft statt Guidoknoppgeschichtchen

für 28 Jahre Club Cola und FKK

für 28 Jahre ohne Hedgefonds und Private-Equity-Heuschrecken

für 28 Jahre ohne Praxisgebühr und Zwei-Klassen-Medizin

für 28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe

für 28 Jahre munteren Sex ohne »Feuchtgebiete« und Bild-Fachwissen“

Da ist natürlich auch Einiges weggelassen, nämlich die Toten und Verletzten dieses „Friedenswalls“, das Zerschneiden von Familienbanden und Vieles mehr. Aber das, was da steht, ist irgendwie auch nicht zu bestreiten. Und es ist die „vordere Kehrseite der Medaille“, die Seite, die man heute auch sehen könnte, wenn man wollte.

Bei allem Verständnis hätte man der Redaktion mehr Feingefühl gewünscht, etwas, was auf der Website des Ostberliner Historikers Rudolf Reddig sich so produktiv mit historischem Verständnis wie mit sozialer Gesinnung mischt: http://www.geschichtsseiten.de/htm/berliner.htm . Indes, man wollte nicht auf den kabarettistischen Effekt verzichten, was allerdings auch das Recht eines Journalisten ist. Aber darauf hatten Einige nur gewartet.

Ein lästiges Korrektiv auf dem Weg in den „Mainstream“

Es ist kein Geheimnis, dass DIE LINKE eine hochkomplexe und vielfältige Partei ist. So nötig und so segensreich sie im bürgerlichen Parteiensumpf von CDU bis zu den Grünen ist, so sehen doch nicht alle in ihr die Gegnerschaft so klar, und eine ganze Reihe von Funktionsträgern haben nicht unerhebliche Sehnsucht, in diesen Sumpf ein bisschen mehr einzutauchen. Sie möchten sich dabei so wohl fühlen, wie die Grünen, denen die Wandlung von der Friedens- zur Kriegspartei so „gut“ getan hat, oder wie die SPD, die durch die Mutation von der Sozialdemokratie zur „Sozialabbau-Diktatur“ so viel bürgerlichen Applaus eingefahren hat. So haben sich diejenigen, die sich zu förderst das Ziel auf die Fahne geschrieben haben, vom Kommerz-medialen Mainstream sowie SPD und den Grünen das Etikett „regierungsfähig“ und „koalitionsfähig“ verliehen zu bekommen und zur „ganz normalen Partei“ zu werden, insbesondere in der parteiinternen Strömung „Forum Demokratischer Sozialismus“ zusammengeschlossen. Ihre „Jung-Kader“ finden sich im „Bundesarbeitskreis Shalom“ der Linksjugend `solid“, wo sie fleißig für Israels Politik und für die USA Reklame machen, dabei sind ihre Schutzpatrone Bodo Ramelow und Petra Pau.

Diesem bunten Treiben und der Zielsetzung, „gesetzte Normalität im System“ für DIE LINKE zu erreichen, ist die Junge Welt immer wieder in die Quere gekommen. Sie erfreut sich dabei insbesondere bei den Genossinnen und Genossen, die die Systemfrage und die Verwandlung einer neoliberalen Gesellschaft in eine demokratische und ergo sozialistische noch ernst nehmen, besonderer Beliebtheit. Das sie dabei nicht immer nur solidarisch war, ist etwas, mit dem man wohl leben müsste. Aber ihre oft sehr ausführliche und präzise Information sowie der scharfzüngige Stil sind auch eine ernsthafte Konkurrenz für das manchmal „gähn-verdächtige“ „Neue Deutschland“. Jedenfalls ist die Junge Welt für die LINKE auch ein wichtiger Partner und ein nötiges Forum, es ist wohl nicht verfehlt, sie als das Haus-Blatt der Linken in der LINKEn zu sehen.

Jetzt aber!

So ist die Freude bei einigen „LINKEn“ nun riesengroß, im Verein mit dem Mainstream und den anderen Parteien über Die Junge Welt herfallen zu können und alles in Gang zu setzen, sowohl die Linken in der LINKEn als auch die Junge Welt unter erheblichen Druck zu setzen. Dazu haben sie die Kampagne „No to Junge Welt“ ins Leben gerufen. Diese wird im Wesentlichen von den Leuten in der LINKEn betrieben, denen auch die linke Aktion „Freiheit durch Sozialismus“ (http://www.freiheit-durch-sozialismus.de/) ein Dorn im Auge ist, und die dagegen die (FDS)-Aktion „Freiheit und Sozialismus“ aufbauen. Dabei wollen diese Kräfte der Partei nun diktieren, keine Anzeigen mehr in der JW zu schalten und sie bei Veranstaltungen auszuschließen, sie wollen die Junge Welt schlicht kaputtmachen. Sollten sie damit durchkommen, stünde es deutlich schlechter um die Chance, unsere Partei als Gegengewicht zum grassierenden Neoliberalismus und der orwellschen „Friedenliebe“, also der verkappten Kriegslust der übrigen Parteien, auszubauen. Hätten sie damit Erfolg, müssten auch wir etwas ironisch an die Verantwortlichen der JW dies richten: „Wir sagen noch einmal Danke!“

Lasst es nicht dazu kommen, stärkt die Linken in der LINKEn, gerade, wenn Euch die Pseudolinken abgeschreckt haben mögen, tretet in DIE LINKE ein, stärkt die linke LINKE!

Andreas Schlüter