Gedenkfeiern zum 13. August vor 60 Jahren: Eine politisch-geschichtliche Perversion

Veröffentlicht: August 13, 2021 in Politik
Schlagwörter:, ,

Es ist keine Frage, als am 13. August 1961 die Mauer in Berlin errichtet wurde, war das für viele Menschen, ganz besonders in Berlin, eine Tragödie. Es ist legitim, dass dieser Tragödie gedacht wird. Was aber bei den Feierlichkeiten real rednerisch daraus gemacht wird, ist eine Perversion der Geschichte, ja, die Liquidation der Geschichte!

Schamlos wird vom „freien Westen“ und dem östlichen „Unrechtsstaat“, den man tendenziell dem Nazi-Staat als „zweiter Diktatur auf deutschem Boden“ an die Seite stellt, geschwafelt. Leider ist das mit dem „freien Westen“ so eine Sache. Die führenden Staaten des Westens haben nicht nur eine lange Kolonialgeschichte, sondern eine anhaltende Geschichte der imperialen Ausplünderung des globalen Südens, was die Grundlage des Wohlstandes dieser Gesellschaften ist (die es erlaubt, „milder“ mit der eigenen arbeitenden Bevölkerung umzugehen). Diese Staaten haben nach der Oktoberrevolution bis in die Zwanziger militärisch versucht, die alten Verhältnisse in Russland wieder herzustellen. Teile des US-Kapitals waren daran beteiligt, die Nazis in Deutschland an die Macht zu bringen. Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs gab es im Westen Pläne, die Sowjetunion mit 200 Atomsprengköpfen (die eilig produziert werden sollten) in Grund und Boden zu bomben.

Sehr schnell erlaubte man dann der alten Bundesrepublik wieder, an der Plünderung des globalen Südens teilzunehmen, um als „Schaufenster des Kapitalismus´“ zur Destabilisierung des Ostblocks beizutragen. Bei aller Anerkenntnis der teils kruden Repressionsmaßnahmen in der DDR sollte dieser Teil der Geschichte nicht vergessen werden. Darüberhinaus: zum vielgepriesenen „Freien Westen“ gehörten auch Apartheid-Südafrika und das faschistische Pinochet-Regime in Chile, und es gehört weiterhin das Besatzungsregime Israels, das gar nicht genug Mauern bauen kann, um Palästinenser in Ghettos einzusperren, dazu. Und mit Agent Orange hat man Vietnam dauerhaft vergiftet, mit uranummantelter Munition soll an vielen Stellen „Demokratie herbei gebombt werden“. „Westliche Werte“: in Dollar oder in Euro?

Kennedy war einsichtig genug, anzuerkennen: „Die Mauer ist keine sehr schöne Lösung. Aber sie ist immerhin besser als Krieg.“ (laut MDR vom 24. August 2018). Tatsächlich war Kennedy wohl für die Aspirationen der eigentlichen US-Machtelite zu vernünftig und friedensbereit (wie sich auch beim Kompromiss zur Kuba-Krise zeigte), was wohl zu seiner Ermordung durch den „Tiefen Staat“ der USA führte.

Wer diese Geschichte im Zusammenhang mit dem Mauerbau und den assoziierten Tragödien verschweigt, und stattdessen mit dem „Freien Westen“ eigentlich „sich selbst feiert“ (nach dem Motto: „wir waren und sind die Guten“) begeht übelste Geschichtsklitterung!

Andreas Schlüter

In Hamburg geborener Soziologe und noch immer Mitglied DIE LINKE

Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s