Sommertheater: Erdogan, der türkische Böhmermann? Oder: Wahn und Wirklichkeit

Veröffentlicht: Juni 9, 2016 in Politik
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Es ist tatsächlich die Frage, ob Deutschland sehr berufen ist, den möglichen Völkermord durch andere Länder zu beurteilen. Die ekelhafte Behandlung der Armenier – auch, wenn es sicher armenische Kräfte gab, die mit dem Zarenreich kollaborierten – ist nun allerdings mit Unterstützung des deutschen Kaiserreichs geschehen, was eine besondere Verbindung ergibt, dazu gleich mehr. Jedenfalls hat Deutschland zwar seine eigenen grauenhaften Schandtaten im Zweiten Weltkrieg recht umfänglich aufgearbeitet, manchmal in der Art des „Ablasshandels“ (http://tinyurl.com/mkfnkjj), aber mit dem Eingeständnis des Völkermords an Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika tat es sich außerordentlich schwer:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/namibia-massaker-bundesregierung-spricht-von-voelkermord-a-1043117.html

suedwest

Dazu kommt die widerliche Unterstützung für die Mordtaten des Kagame-Regimes in Ruanda und im Kongo:

https://wipokuli.wordpress.com/2014/04/08/ruanda-eine-halbe-wahrheit-ist-eine-ganze-luge-zwanzig-jahre-tolldreiste-desinformation/

Man hätte hilfreich sein können

Zur Aufarbeitung der Verbrechen an den Armeniern hätte Deutschland hilfreich sein können, indem man mit einer Historiker-Kommission das gemeinsame Tragen der Schuld vorbereitet hätte. Aber die Situation ist zunehmend vergiftet worden. Und die Entwicklungen der letzten Jahre machen das Verhältnis zusätzlich kompliziert. Man darf ja nicht vergessen: die Zerstörung Syriens und die Unterstützung islamistischer Kräfte in Syrien geht auch sehr wesentlich von der Türkei aus (wobei allerdings „Master of Disaster“ die US-Politik ist, deren vordringliches Ziel die Destabilisierung Syriens und der Sturz Assads ist). So trägt die Türkei sehr zu den Flüchtlingsströmen aus Syrien bei (auch, wenn die enorme Zunahme ds Stroms nach Europa durch die finanzielle Austrocknung der Flüchtlingslager in Syriens Nachbarländern befördert worden ist). Hinzu kommt der rüde Umgang mit den Kurden durch die türkische Regierung. Und lange geht das Spiel um die EU-Mitgliedschaft der Türkei. Dabei würden gerne die USA der EU mit der Mitgliedschaft der Türkei den Todesstoß versetzen. Jedenfalls kann man auf „Neudeutsch“ sagen: eine komplizierte Gemengelage!

Zwei Böhmermänner

verschaukelt

Gute, treffende Kritik an dem türkischen Machthaber wie auch beißende Satire gibt es zuhauf auch in Deutschland und gerade von türkisch-stämmigen Menschen hier, und die ist wahrlich nötig. Aber dann kam ein vermeintlicher Komiker und hat eine chauvinistische und rassistische Tirade abgelassen, die dem Sultans-Verschnitt unverdiente Solidarität zuspielen musste (http://tinyurl.com/gr8t6nm) und letztlich türkische Menschen insgesamt herabsetzte.

In diese Situation (von der ich den Verdacht habe, dass da bestimmte Kräfte vorher „gerechnet“ haben) stieß nun die nicht unproblematische Entscheidung des Bundstages – der hochrangige Politiker vorsichtig fernblieben – und damit ergab sich die Gelegenheit für Erdogan, sich als zweiten Böhmermann zu outen!

Was da kam, erinnert an unselige Zeiten, die leider in Wirklichkeit nicht vorbei sind. Da wurden die türkischstämmigen Abgeordneten des deutschen Bundestages rassistisch angegangen und – per „gefordertem“ Blutest – rassistisch ausgegrenzt und zu Quasi-Terroristen erklärt. Hat der Mann noch alle Tassen im Schrank? Leider scheint er aber auch auf ein arg chauvinistisches Publikum zu setzen.

Die ganze Sache erinnert in ihrer politischen Blindheit der Beteiligten an die Wahnsinnigen, die den Taumel in den Ersten Weltkrieg „orchestriert“ haben.

Andreas Schlüter

Interessante Links:

http://www.shz.de/deutschland-welt/politik/ihr-blut-ist-verdorben-erdogan-fordert-bluttest-von-cem-oezdemir-id13900671.html

http://de.sputniknews.com/zeitungen/20160606/310402037/armenien-resolution-vorteilhaft.html

http://de.sputniknews.com/politik/20160604/310370649/lawrow-ankara-bundestag-resolution-reaktion.html

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