Der Tod von Marcel Reich-Ranicki: ein wirklicher Verlust

Veröffentlicht: September 19, 2013 in Literatur, Politik
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Bei aller Liebe zu Büchern bin ich nicht Literat genug, um ein fachmännisches Urteil über Marcel Reich-Ranickis Rolle als Literaturkritiker abzugeben. Unstrittig ist wohl, dass er auch als eine Art „Zuchtmeister“ des deutschen Literaturbetriebs fungierte. Wie positiv er dessen Entwicklung er beeinflusste, das zu beurteilen, fehlt mir eben die Kompetenz. Was ich dazu weiß, wann immer ich ihn zum Thema Literatur gehört habe, hat mich zwar sein apodiktisches Urteil zu Zeiten irritiert, aber seine klare Positionierung beeindruckt und seine kantige, zuweilen knarzige Sprache begeistert. Es macht traurig zu wissen, dass man nichts Neues von ihm zur Literatur hören wird.

reich-ranicki

Dass er selbst ein wahrhaft fähiger Schriftsteller war, hat er u. a. mit seiner Autobiografie „Mein Leben“ großartig unter Beweis gestellt, denn diese ist nicht nur wegen des Inhalts fesselnd, sondern auch, weil sie eben den Leser „einsaugend“ geschrieben ist, ich habe sie nicht vor der letzten Seite aus der Hand gelegt. Ja, und fraglos kann man auch die Tatsache, dass Reich-Ranicki nach allem, was ihm und seiner Familie durch Deutsche angetan wurde, die deutsche Literatur zu seinem Lebensinhalt machte, als großes Kompliment an eben diese auffassen, ich bin jedoch zu wenig national gesinnt, um in solche „Beglückungsgefühle“ einzutauchen.

Was mich am meisten beeindruckte

Zwei Dinge an ihm aber haben mich zusätzlich zu seiner in seinen Sendungen hervortretenden Ausstrahlung besonders beeindruckt, ja, tief bewegt.

Die Ablehnung des deutschen Fernsehpreises als Protest gegen die Verflachung dieses Mediums war ein dringend nötiges Zeichen (1), sie war, von höflichen Worten eingeleitet, ganz einfach – großartig!

Was mich fraglos am tiefsten bewegte, war Marcel Reich-Ranickis stumme Verweigerung, der Bruch mit einer schändlichen Unsitte! Er machte etwas nicht, dass Frieden und Gerechtigkeit Hohn sprechend zum menschenverachtenden Ritual geworden ist. Bei seiner so anrührenden Rede im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag (2) gab es nicht den „obligatorischen“ Brückenschlag zu Israel, ein sonst unablässig geübtes Ritual, dass durch seine Ausführung dem völkerrechtswidrigen und kolonialistischen Handeln des Staates Israel eine widerliche Pseudolegitimation zu verleihen gedacht ist. Diese Verweigerung des Holocaust-Missbrauchs zeugte mehr noch als alles Übrige von der Integrität dieses Mannes, vor dem ich mich hier gedanklich tief verneigen möchte.

Und um den Schwenk zur Literatur zurück zu finden, eine Vermutung: der Beruf des breitenwirksamen wie im positiven Sinne unterhaltenden Literatur-Kritikers ist vermutlich mit Marcel Reich-Ranicki gestorben, auch das ist traurig!

Andreas Schlüter

1) https://www.youtube.com/watch?v=KWuinyJgKew

2) https://www.youtube.com/watch?v=CsmHB93SR6o

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