Moshe Zuckermann, „Wider den Zeitgeist“

Veröffentlicht: Oktober 21, 2012 in Politik

Am Donnerstag, dem 18. Oktober, stellte der israelische Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv, Moshe Zuckermann, in der Ladengalerie der Jungen Welt (junge Welt) sein neues Buch „Wider den Zeitgeist, Bd. 1, Aufsätze und Gespräche über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus“ (1) vor. Es moderierte der JW Redakteur Stefan Huth. Wie immer bei Veranstaltungen mit Moshe Zuckermann war der Saal voll. Wer die Kraft des Soziologen Zuckermann zur pointierten Aussage kennt, lässt sich seinen Auftritt schwerlich entgehen!

Moshe Zuckermann auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011

Moshe Zuckermann: „Hoffentlich kommen sie dann auch nach Tel Aviv, wenn´s Raketen hagelt“

So tat er dann auch diese so markante wie treffende Äußerung zu den vermeintlichen „Freunden“ Israels, die sich gar nicht genug in Kriegs-Rabulistik gegen den Iran und in der Forderung nach „hartem Durchgreifen“ gegen das Land tun können. Damit watschte er auf wundervolle Weise die „Antideutschen“ (2) und ihre Ableger –selbst in meiner Partei, der LINKEN – ab, die, zum Beispiel im hetzerischen Bündnis „Stop the Bomb“ (3), permanent versuchen, Öl in den nah-und mittelöstlichen Schwelbrand zu gießen, alles aus vorgeblicher Sorge um das Schicksal „der Juden“. Das, was diese Leute geflissentlich übersehen, nämlich dass der Iran, von dem niemals ein Krieg ausgegangen ist, keineswegs wehrlos, sondern wohlgerüstet ist, weiß eben Moshe Zuckermann sehr gut, und hat selbstverständlich große Sorge, dass eine größenwahnsinnige israelische Regierung und die USA in seiner Region das Inferno auslösen könnten. Dafür gibt es nun leider gerade in Deutschland ja viel Stimmungsmache.

Die letztlich antisemitischen „Freunde der Juden“

Auf bewundernswert klare Weise legte er wieder einmal dar, wie sehr bestimmte Leute jüdischen Menschen die Individualität absprechen, indem sie „den Juden“ – wie vorgeblich wohlgesonnen auch immer – zu einer Schablone machen und einen jüdischen Fetisch schaffen. Dabei spielt selbstverständlich die israelische Regierungspolitik, die frech alle Juden – auch in der Diaspora – zu vereinnahmen trachtet, eine unsägliche Rolle. Die richtige Konsequenz des „nie wieder“ aus den unsagbaren deutschen Verbrechen wird von diesen Menschen ganz ausschließlich auf Israel gemünzt und entledigt sie allen anderen Zusammenhängen gegenüber jeglicher moralischer Verantwortung. Dass es u. a. jüdische Antizionisten sowohl weltlicher wie religiöser Provenienz, zionistische Kritiker der israelischen Politik und nichtjüdische Hardcore-Zionisten gibt, geht in diesem verqueren Weltbild völlig unter. Neben Anderem unterliegt dieser Haltung auch die Verwandlung der ungeheuren historischen deutschen Schuld in einen materialisierten Fetisch (ich selbst vergleiche dieses Vorgehen gerne mit dem mittelalterlichen deutschen Ablasshandel). Dieser Fetisch enthebt die Anbeter dann von jeder moralischen Betrachtung israelischer Politik – das nun ist Ausdrucksform des medialen Zeitgeistes in Deutschland (Kommentar des Verfassers).

Eindrucksvoll auch die Darstellung, wie sehr deutsche Regierungen darauf aus waren, für unglaubliche moralische Schuld politisch und materiell bezahlen zu „müssen“, was durchaus bei einem nicht geringen Teil der israelischen Bevölkerung auf vehemente Ablehnung stieß. Auch die Situation vieler Juden im Nachkriegsdeutschland und Fragen ihres Selbstverständnisses wurde in ihrer Problematik anschaulich.

Wie komplex die Zukunftsaussichten Israels sind stellte Moshe Zuckermann ebenfalls heraus. Fraglos wollen die Mehrheiten bei israelischen Juden wie Palästinensern die Zweistaatenlösung. Wird die Lösung verhindert, kann Israel keinesfalls ein „jüdischer Staat“ bleiben. Netanyahu und seine Mannschaft wollen aber keinen palästinensischen Staat, und auch die anstehenden Neuwahlen werden ihn mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zum Premier machen.

Angeregte Diskussion

Wie bei den Veranstaltungen in der Ladengalerie üblich schloss die Veranstaltung eine angeregte Diskussion ab. Diese erbrachte auch ein weiteres sehr klares Wort zu den „wabernden“ Ideen über die Rolle Israels in der US-Politik. Professor Zuckermann machte deutlich: die eigentliche Macht in den USA benutzt Israel, in dem Moment, wo Israels Politik den US-Interessen hinderlich würde, würden die USA Israel fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel (4)!

Andreas Schlüter

Links:

1)      http://www.laika-verlag.de/edition-theorie/wider-den-zeitgeist-i

2)      http://diefreiheitsliebe.de/international/israel/antideutsche-ideologen-auf-rechtsextremen-wegen

3)      http://www.neues-deutschland.de/artikel/237545.html

4)      Hierzu mein Artikel zum Verhältnis USA-Israel:

https://wipokuli.wordpress.com/2012/03/10/wag-the-dog-but-what-if-the-dog-is-a-lizard/

Junge Welt Artikel zum neuen Buch: http://www.jungewelt.de/2012/10-10/001.php

http://www.jungewelt-shop.de/

Weitere Bücher von Moshe Zuckermann:

„Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“: http://www.mediashop.at/typolight/index.php/buecher/items/zuckermann-moshe-antisemit

„Sechzig Jahre Israel“: http://www.pahl-rugenstein.de/09_zuckermann.htm

Aufzählung weiterer Bücher (unten im Link): http://de.wikipedia.org/wiki/Moshe_Zuckermann

Vortrag zum Buch „Antisemit“: http://www.youtube.com/watch?v=rEbBvAOoAAY

Artikel zu Moshe Zuckermann auf diesem Blog: https://wipokuli.wordpress.com/2011/04/03/moshe-zuckermann-ein-aufrechter-linker-mahner/

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