Es ist nicht nur erstaunlich, in welch fittem Zustand der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler mit 82 Jahren ist, sondern auch, wie der Mann, der einmal der „Wadenbeißer“ der CDU war, der Pazifismus als Wegbereiter von Auschwitz bezeichnete (1), seit einer Reihe von Jahren über den neoliberalen und globalisierten Kapitalismus zu reden in der Lage ist (2). Nun ist der Mann auch noch Mitglied von ATTAC, ja er droht Polizisten sogar Gegenwehr an, wenn sie ihn „anfassen“ sollten, geht allerdings lieber nicht zu Ereignissen wie dem G8-Gipfel, wo er wirklich in solche Situation kommen könnte, die Haltung auch unter Beweis stellen zu müssen (3). Mit dieser Haltung ist er gern gesehener Gast bei diversen Talkshows oder anderen Fernsehgesprächen. So auch heute, am Sonntag, dem 25. März 2012 auf Phönix im Dialog mit Alfred Schier (4).

Warum zeigt er den Trick nicht endlich?

Nachdem er auch als altersweiser Geist über den unruhigen Wassern von Stuttgart 21 schwebte und es schaffte, dass die ganze Story wie das berühmte Horneberger Schießen ausging, damit letztlich auch die Volksabstimmung „bahngerecht“ verlief („zum Glück“ sind die Aussagen zur erheblichen Verteuerung des ganzen Wahnsinns ja erst vor ein paar Tagen veröffentlicht worden), hat er medial eigentlich den weiland legendären „Ben Wisch“, Hans-Jürgen Wischnewski (5) übertroffen, den „Helden von Mogadishu“. Ja, man könnte bei vielen Menschen die Überzeugung vermuten, Geißler könne übers Wasser wandeln! Warum zeigt er den Trick mit dem Wasser nicht endlich? Es muss reine Bescheidenheit sein!

Seine Scheinheiligkeit

Man möchte nun meinen, jemand, der den heutigen Kapitalismus so trefflich zu beschreiben weiß, wüsste auch einzuordnen, was dieser zu seiner Machterhaltung alles ins Werk zu setzen gewillt ist. Und man sollte meinen, Geißler müsse dann doch auch eigentlich politisch die Nähe zu Parteien suchen, die diesem ungezügelten Unwesen ein Ende setzen wollen. So war die Frage des Gesprächspartners Alfred Schier bei Phönix nach seinem Verhältnis zur LINKEn denn nicht unverständlich. Aber siehe da, nun zeigt sich seine „Begrenztheit“ und die Tatsache, dass seine Rolle die des kapitalismuskritischen Feigenblatts der CDU ist. Er sprach der LINKEn wegen ihrer außenpolitischen Positionen, insbesondere zur NATO, die Ernsthaftigkeit ab. Dabei ist eben die NATO mit ihren Kriegslügen nun der verlängerte Arm der westlichen Kapitalinteressen. Da rollen sich einem die Zehennägel auf und es stellt sich die Frage nach der Ernsthaftigkeit seiner Kapitalismus-Kritik. So fiel mir dann gleich der Titel ein (übrigens auch nicht unpassend zum eben angebrochenen „Pastoren-Zeitalter“), den ein Freund von mir seit langem dem Dalai Lama verliehen hat: „Seine Scheinheiligkeit“!

Andreas Schlüter

Links:

1) „[…], die Massenvernichtung in Auschwitz gedanklich in Verbindung zu bringen mit der Verteidigung der atomaren Abschreckung eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats, dies gehört ebenfalls in das Kapitel der Verwirrung der Begriffe und der Geister, die wir jetzt bestehen müssen. Herr Fischer, ich mache Sie als Antwort auf das, was Sie dort gesagt haben, auf folgendes aufmerksam: Der Pazifismus der dreißiger Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem heutigen unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht.“, aus: gedr. u. a. in Ralf Floehr: Ordnung ist die halbe Rede: Wortgefechte aus dem deutschen Bundestag. Krefeld 1985, S. 167 über Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Gei%C3%9Fler

2) „Das gegenwärtige Wirtschaftssystem ist nicht konsensfähig und zutiefst undemokratisch, es muss ersetzt werden durch eine neue Wirtschaftsordnung.“

Heiner Geißler: in der Sendung „Razzien und Randale – Wie weit dürfen Staat und Demonstranten gehen?“ von Maybrit Illner am 31. Mai 2007, aus Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Gei%C3%9Fler

3) „Ich will mich nicht irgendwelchen Chaoten oder Leuten, die verrückt geworden sind – auf der einen oder anderen Seite –, ausliefern; und weil ich mich selber kenne: Wenn mich einer anfasst, dann schlage ich zurück – und wenn es ein Polizist ist, dann schlage ich zurück. Wenn ich demonstriere, dann übe ich ein Grundrecht aus, dann lasse ich mich nicht anfassen – von niemandem. Und in diese Situation möchte ich nicht kommen.“

Heiner Geißler: in der Phoenix-Sendung „Im Dialog“ am 1. Juni 2007, über Wikipedia (s.o.)

4) http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/alfred_schier_mit_heiner_geissler_/450581?datum=2012-03-25

5) http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-J%C3%BCrgen_Wischnewski

Kommentare
  1. klaus janich sagt:

    hallo, andreas!

    apropo scheinheilig. da fällt mir ein zitat ein.

    „moralische entrüstung ist der heiligenschein der scheinheiligen.“

    zitat: helmut qualtinger, 1928 – 1986, östereichischer kabarettist und schauspieler.

    soz. grüsse! klaus

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