Gedenken an May Ayim und der Kolonialkrieg in Libyen: Berlin Postkolonial?

Veröffentlicht: August 31, 2011 in Politik
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Am Montag, dem 29. August dieses Jahres, fand im Berliner Stadtteil Kreuzberg-Friedrichshain die feierliche Enthüllung der Gedenktafel an May Ayim, die ghanaisch-deutsche Wissenschaftlerin, Autorin, Aktivistin und Mitbegründerin der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, statt. Die Gedenktafel steht am May-Ayim-Ufer. Das vormalige „Gröbenufer“ (nach einem deutschen Kolonialisten und Sklavenhändler benannt) wurde nach zähem Ringen am 27. Mai 2009 in May-Ayim-Ufer umbenannt.

Umrahmt von musikalischen Darbietungen sprachen Elvira Pichler, Vorsitzende Kulturausschuss der BVV Friedrichshain-Kreuzberg, Joshua Kwesi Aikins, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, und ManuEla Ritz, Antirassismus-Trainerin und Autorin, die sich dem Werk und der Person May Ayims widmete. Kwesi Aikins thematisierte in seiner eindringlichen Rede sehr wohl den Terminus „Postkolonial“, der auch der Name einer Initiative ist, die sich auch der Umbenennung von Straßen, die den Kolonialismus und seine Protagonisten verherrlichen, widmet. Er machte sehr wohl klar, dass dieser Terminus nur als Bezeichnung für ein Denken tauglich sei, das über den Kolonialismus hinausweist, aber nicht als Feststellung, der Kolonialismus sei beendet, miss zu verstehen sei. Das war eine wichtige wie nötige Klarstellung.

Was bleibt hinzuzufügen?

Während der Veranstaltung und auch jetzt ist der jüngste Kolonialkrieg, den der Westen führt, noch nicht beendet. Seit dem Frühjahr führt der Westen Krieg in Libyen, eingeleitet durch die von der UN autorisierten „Flugverbotszone“, die den vorgeblichen Zweck hatte, „die Bevölkerung“ vor den nicht bewiesenen Luftangriffen durch die libysche Luftwaffe zu „schützen“. Gern wurde dabei so getan, als wäre die „Erhebung“ in Libyen eine Fortsetzung der zivilgesellschaftlichen Erhebung in Tunesien und Ägypten. Man brauchte allerdings nur genau hinzuschauen, um zu bemerken, dass zivilgesellschaftliche Erhebungen dort nicht durch Überfälle auf Polizeistationen und frühzeitige Bewaffnung der Protestanten begannen. Der vom Westen geführte Krieg entfernte sich auch schnell vom „Schutz der Bevölkerung“ durch eine Flugverbotszone zu hemmungslosem Bomben für den „Regime Change“. Offenbar haben die Kämpfe bisher zehntausende von Libyern das Leben gekostet. Ob der Krieg wirklich kurz vor seinem Ende steht, bleibt abzuwarten. Hatte nicht ein US-Präsident vor Jahren zum Irak getönt: „Mission accomplished“?

Einer der Schlimmsten?

Pikant dabei ist, dass noch am Jahresbeginn ein Bericht der UN Menschenrechtskommission zu einem eigentlich überraschend recht milden Urteil über Libyens Regierung und das Land kam:

 http://www2.ohchr.org/english/bodies/hrcouncil/docs/16session/A-HRC-16-15.pdf

 Gemäß dem „Human Development Index“ der UN, in dem Lebenserwartung, Alphabetisierung, Erziehungswesen und Lebensstandard die entscheidende Rolle spielen, stand Libyen in Afrika an erster Stelle:

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_Human_Development_Index

Ohne Gaddafi-Fan zu sein und der Tatsache bewusst, dass Gaddafi kein „lupenreiner Demokrat“ ist, sondern phasenweise brutal gegen politische Gegner vorgegangen ist, wie auch 1971 bei der Erhebung im Sudan und bei der jahrelangen Besetzung eines 200 km breiten nördlichen Streifens des Tschad keineswegs ein „lupenreiner Antiimperialist“ war, kann man diese Tatsachen nicht übersehen. In den letzten Jahren hat er trotz erheblichen „Schmusekurses“ mit dem Westen dennoch intensive Bemühungen zur ökonomischen Verselbstständigung Afrikas beigetragen.

Nicht nur hat Libyen über die Hälfte des AU-Budgets getragen, sondern es wurden Milliarden aufgewandt, um z. B. auch eine unabhängige Afrikanische Finanzwirtschaft aufzubauen:

http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/libyens_engagements_in_afrika_sind_in_gefahr_1.9860054.html

Neben der Tatsache, dass „unser Öl unter ihrem Sand liegt“, war für den Westen wohl auch gerade dieses Gaddafis „Verbrechen“.

Eine besonders schmerzliche Ergänzung

Die eben angeführten Tatsachen belegen schon eine beachtliche Bedeutung des Vorganges für das sub-saharische Afrika, das auch mit dem westlichen Eingreifen in der Elfenbeinküste erst kürzlich wieder sehr direkt „angefasst“ wurde. Nun ist aber gerade aus der Perspektive des Kampfes gegen den „anti-schwarzen“ Rassismus das Geschehen in Libyen besonders aufwühlend. Keine Frage, Gaddafis Regierung hat bei der Jagd auf Menschen, die dem imperialen Elend im Afrika südlich der Sahara nach Europa zu kommen trachteten, auch unrühmliche Rolle gespielt. Was aber jetzt auf Seiten der durch den Westen bewaffneten und unterstützten Rebellen gegen schwarze Menschen in Libyen geschieht, kann keineswegs unbemerkt bleiben. Schwarze Menschen stehen bei den Rebellen in Libyen unter dem Generalverdacht, Söldner Gaddafis zu sein und sind regelrechten Menschenjagden ausgesetzt. Daran konnte noch nicht einmal mehr der US-Sender CNN vorbeisehen: http://edition.cnn.com/video/#/video/world/2011/08/30/prism.libya.africans.cnn.

In gewisser Hinsicht problematische Bündnispartner

Keine Frage, bei dem allzu berechtigten Ansinnen, von kolonialer Vergangenheit geprägte Straßennamen zu entfernen, wie generell bei dem Anliegen, in dieser Gesellschaft Rassismus und Ausgrenzung zu bekämpfen, sind die Grünen und Teile der SPD immer noch wichtige Bündnispartner. Aber diese Parteien haben sich von Friedensparteien zu Kriegsbefürwortern gemausert. Dies haben große Teile von ihnen bei der wütenden Kritik daran, dass die Bundesregierung versuchte, sich halbwegs aus dem libyschen Kolonialkrieg herauszuhalten, demonstriert. Sie betreiben umfänglich eine Unterstützung dessen, was man mit Fug und Recht „Menschenrechts-Imperialismus“ nennt. Würde man diesen „schlucken“, dann könnte man auch noch rückwirkend den „Opiumkrieg“ der Engländer im 19. Jahrhundert zum Kampf gegen ein Regime, unter dem kompanieweise „Hofeunuchen“ hergestellt und Frauenfüße verkrüppelt wurden, umdeuten.

Dieser „Menschenrechts-Imperialismus“ ist ein wichtiger Hebel der weiteren „Entstaatlichung“ afrikanischer Länder. Es wäre fatal, wenn man diesen Parteien (Grüne und SPD), die allzu bereit sind, diese Masche zu unterstützen, das Feigenblatt nicht einmal hin und wieder lüften würde. So, wie der nordeuropäische Rassismus funktioniert, muss man wissen, er wird erst wirklich unbedeutend werden, wenn Afrika sich ein gutes Stück aus der imperialistischen und neokolonialen Umklammerung, die nun schon wieder Züge des 19. Jahrhunderts trägt, befreien kann. Und ich bin mir sicher, diese Ergänzung, die neuen Kolonialkriege in Bezug zu setzen, ist in May Ayims Sinn. Sie fand mit der Veranstaltung eine sehr würdige Ehrung!

Andreas Schlüter

Bildimpressionen

 

Gedenktafel May Ayim

 

Kwesi Aikins bei seiner klaren Rede

 

ManuEla Ritz würdigt Mays Leben und Werk

 

Eine doch eindrucksvolle Teilnahme

 

Erfreuliche Beteiligung

Einige Links zu Kolonialkriegen und Rassismus:

Zur Rückkehr der Kolonialkriege: https://wipokuli.wordpress.com/2011/04/15/qualende-fragen-und-unerfreuliche-antworten/

Zu Libyen: https://wipokuli.wordpress.com/2011/02/23/libyen-und-die-arabische-welt-mit-feuer-gegen-feuer/

http://uweness.eu/krieg-in-libyen.html

Zur „Festung Europa“: https://wipokuli.wordpress.com/2011/02/20/festung-europa/

Ein besonders finsteres Kapital der jüngsten Vergangenheit:

 https://wipokuli.wordpress.com/2011/02/28/wouter-basson-alias-dr-death-herz-oder-hand-der-finsternis/

Kommentare
  1. Ahmed Abucar sagt:

    Hallo lieber Andreas,
    dein Artikel und auch einige Links, die ich gelesen habe fand ich sehr informativ und auch scharsinnig, das neue Wort bzw Begriff “ Menschenrechts-impirialismus“ ist zutrffend und sollte Zugang im Massen-medien halten.Das primäre und unverhullte Kolonialismus ist besiegt, das neue-kolonialismus wird zunehmend von vielen fortschritlichen Menschen verstanden, nun wird eine neue schafspelz, als versteck benötigt sog. Menschenrechts-verteidigung was las Menschenrechts-imprialismus zu entlarven ist.

    Dr. med. Ahmed Abucar

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