Berlin: ein Feld der (fast) neu gewonnenen Freiheit!

Veröffentlicht: August 14, 2011 in Politik
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Eben war ich mit meiner Lebensgefährtin wieder auf dem Tempelhofer Feld. Es ist ein unvergleichlich schöner Ort mit einer höchst widersprüchlichen Geschichte. Wilhelminischer Exerzierplatz, Luft-Pionier-Ort, brutales Symbol des Nazi-Größenwahns und seiner Verbrechen, Symbol der Kalte-Kriegs-Hysterie und auch noch lange Ort des Sicherheits-Wahnsinns innerstädtischen Flugbetriebs.

Lange hatte das west-berliner Inselnarrativ diesen Ort der Nazi-Verbrechen und des Zwangsarbeiter-Elends mit dem Luftbrücken-Mythos verklärend zugedeckt. Diesem waren viele Menschen so verfallen, dass es erheblicher politscher Anstrengungen bedurfte, um genug BewohnerInnen der Stadt zu überzeugen, das „Volksbegehren“ der „Tempelhof-Fetischisten“, den Flugbetrieb fortzusetzen, abzuschmettern. Dies geschah am 27. April 2008 in einem Volksentscheid mit Hilfe von Bürgerinitiativen, der LINKEn, der SPD und der Grünen. CDU und FDP hatten sich „redlich“ bemüht, die Kalte-Kriegs-Hysterie zu schüren, aber zum Glück vergeblich.

So starteten am 30. Oktober kurz vor Mitternacht die beiden letzten Flugzeuge vom Tempelhofer Feld. Es brauchte aber intensives Ringen, um die Administration schließlich dazu zu bewegen, das Feld endlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Am 8. Mai 2010 war es dann endlich so weit und die Menschen der Stadt konnten den Ort in Besitz nehmen. Hier kann man darüber erfahren: http://www.dielinke-tempelhof-schoeneberg.de/politik/themen/flughafen_tempelhof/ .

Dieser Tag brachte auch Gelegenheit, mit ausgedehnten Flugblattaktionen auf die finsteren Schattenseiten des Ortes zu verweisen. Nicht nur war das unter den Nazis errichtete, aber nie gänzlich fertiggestellte Hauptgebäude als Ort militaristischer Flugschauen vorgesehen, das benachbarte Columbia-Haus war eine Zeit lang KZ. Es gab sowohl im Zusammenhang mit der Waffenproduktion als auch der Gepäck-Abfertigung Tausende von Zwangsarbeitern, die dort Unsägliches durchmachten. Das Hauptgebäude, dass erst nach dem Krieg für den Flugbetrieb genutzt wurde, zeigt von Außen die Brutalität einer Trutzburg, präsentiert sich allerdings vom Feld her in funktionaler Modernität, zwei Seiten einer zweifelhaften Medaille.

Tag der Befreiung

Seit dem 8. Mai 2010, dem Tag der Befreiung vom Nazi-Terror, können die Bewohner der Stadt und ihre Besucher nun also diesen Ort genießen, der eine unbeschreibliche Weite bietet, mit einer Luft, wie man sie sonst nur an der See genießen kann. Die vielen BesucherInnen kommen sich in dieser Weite kaum in die Quere, egal, ob sie nun zu Fuß, auf dem Rad, auf Skatern oder dem Skateboard, oder gar als Windsurfer unterwegs sind. Auch eingezäunte Hundeausläufe sind insbesondere durch aktive Neuköllner erkämpft worden. Dazu ist der Ort bei nahezu jedem Wetter äußerst reizvoll. Den fast immer währenden aber nicht unangenehmen Wind wissen ganz besonders diejenigen zu schätzen, die Drachen steigen lassen. Berlin ist um eine Attraktion reicher!

Aber, es droht Gefahr! Wie es bei Seen so ist, die Begehrlichkeit nach den „Seegrundstücken“ wächst und der Senat schmiedet Randbebauungspläne sowie Pläne hinsichtlich der Zerstückelung des Feldes für eine Gartenschau. Man kann nur hoffen, dass die Menschen, die sich diesen Ort nun erschlossen haben, insbesondere, diejenigen, die sich im HARTZ IV-Elend eine Urlaubsreise überhaupt nicht mehr leisten können, genug Energie aufbringen werden, um erfolgreich gegen den Versuch zu kämpfen, ihnen dieses Allgemeingut wieder zu entreißen. DIE LINKE Tempelhof-Schöneberg wie auch DIE LINKE Neukölln wehren sich seit langem gegen die Pläne des Senats, am Feld „herumzunagen“.

Hände weg von diesem unvergleichlichen Ort der Weite und der errungenen Freiheit!

Hier Impressionen vom Wiesenmeer (anklicken!): rundgang-thf-p-d-f

Andreas Schlüter

 

Kommentare
  1. klaus janich sagt:

    hallo andreas!

    es ist wohl nur eine frage der zeit, bis wir uns über den weg laufen.
    eine herrliche weite wie an der see ist zu geniessen. auch ein spaziergang ist eine angenehme gelegenheit etwas für körper, geist und seele zu tun. immerhin ist ein rundgang 6km lang.
    wenn jetzt noch der lärm der autobahn verschwände, aber einige sitzgelegenheiten für die älteren semester dazu kämen, wäre es wunderschön.
    grade das „tempelhofer feld“ zeigt, dass sich bürger gegen die betonmafia durchsetzen können, auch wenn die baulöwen noch so laut brüllen.
    so soll es bleiben !!!

    mit den besten grüssen! klaus

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