Sehr zu Recht scheint die Multiregionale Theorie der Entwicklung zum Homo Sapiens in die Rumpelkammer hinter der Evolutionslehre gestellt worden zu sein. Diese Theorie postulierte eine – allerdings durch Gen-Fluss verbundene – Entwicklung aus den jeweiligen archaischen Menschentypen praktisch gleichzeitig auf den drei Kontinenten der „Alten Welt“. Dem gegenüber stand bei den Verfechtern der grundsätzlich so soliden „Out-of-Africa“-Theorie des Modernen Menschen, die davon ausgeht, dass der moderne Homo Sapiens nur in Afrika entstanden ist, lange häufig eine kategorische Ablehnung jeder Beimischung von Neandertaler-Erbgut oder dem von späten archaischen Formen auf ihrem Weg aus Afrika gegenüber. Die Ablehnung der Annahme von archaischen Beimischungen stützte sich weitgehend auf die Ergebnisse zu mitochondrialer DNA, beziehungsweise auf Erkenntnisse zum Y-Chromosom. Dabei ist zu bedenken, dass die Mitochondrien, die eigene DNA besitzen, nur über die Eizelle in das neue Individuum geraten, also nur über die weibliche Linie vererbt werden, das y-Chromosom ausschließlich über die väterliche Linie vererbt wird.

Neueste Erkenntnisse und Vermutungen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Damian Labuda an der Pädiatrischen Abteilung der Universität von Montreal und dem CHU Sainte-Justine Research Center haben nun Resultate gefunden, die auf  X-Chromosomen außerafrikanischer Populationen Hinweise auf Neandertaler-Erbgut ergaben. Die Untersuchung wurde im Juli in der Ausgabe von “Molecular Biology and Evolution“ veröffentlicht (Website von „Science Daily“, s. u.).

Die Erkenntnisse scheinen die Annahmen zu stützen, die nach der technisch so herausragenden Sequenzierung von chromosomaler Neandertaler-DNA durch das Team um Svante Pääbo von diesem hinsichtlich einer Neandertaler-Beimischung bei außerafrikanischen Populationen dargestellt wurden. Diesem Team ist ein weiterer Durchbruch gelungen. Der Fingerknochen eines Mädchens, das vor ca. 30.000 Jahren im Altai-Gebirge gelebt hat, erlaubte eine spektakuläre Gen-Analyse. Sie scheint zu offenbaren, dass dieser Mensch wohl zu einer weiteren archaischen Menschengruppe in Asien gehörte, die weder dem Neandertaler noch dem klassischen „Homo Erectus“ zuzuordnen ist, dem „Denisova-Menschen“. Das Team kam zu dem Schluss, dass es Spuren dieser DNA auch in weit nach Osten vorgedrungenen modernen Menschen, den Papuas Neuguineas und den Melanesiern Ozeaniens, zu geben scheint.

Diese neuen Forschungsergebnisse sind zwar wegen diverser Unsicherheitsfaktoren mit der wissenschaftlich gebotenen Zurückhaltung zu bewerten, aber sie regen doch zu einigen Betrachtungen an. Festzustellen ist in diesem Zusammenhang auch, dass es gleichzeitig nirgendwo eine so große genetische Vielfalt unter den Menschen wie im Herkunftskontinent des Homo Sapiens, in Afrika, gibt. Der Weg des modernen Menschen hat also aus der Vielfalt heraus begonnen. Diese Vielfalt ist durch die geringe Zahl an Individuen in den Auswanderergruppen eingeschränkt worden, und sie ist möglicherweise durch Beimischungen von archaischen Menschen wieder umfangreicher geworden.

„Kuscheln“ zwischen dem modernen Menschen und dem Neandertaler?

So oder ähnlich formulieren die „Boulevard-Blätter“ für den interessierten Laien und verführen damit zu sehr oberflächlicher Betrachtung, ganz am Publikumsgeschmack orientiert und weit ab von der Wissenschaft. Hier werden Vorstellungen aus unserer Gesellschaft übertragen, bar jeder Betrachtung der damaligen Lebensweise.

Jedem, der sich ernsthaft mit der menschlichen Vorgeschichte befasst, ist natürlich klar, dass es in der entsprechenden Phase der menschlichen Entwicklung mit der Wahl von Sexualpartnern nicht so zuging wie in unseren modernen Industriegesellschaften mit ihrem hohen Grad an individueller Freiheit und „Selbstverwirklichung“, ohne Frage auch nicht so, wie in relativ repressionsfreien egalitären Gesellschaften, wie z. B. der San (mit hoher sozio-kultureller Entwicklung), sondern dass die Gemeinschaft einen wesentlichen Einfluss übte, andererseits Zufall und Gewalt eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Was für diese Fragen weitgehend zu fehlen scheint, sind begleitende soziologische und soziobiologische Hypothesen.

Gen-Fluss, kulturelle Gruppenidentität und das alte Phänomen der Vergewaltigung

Wenn es um das insbesondere in Rede stehende Verhältnis des modernen von Afrika eingewanderten Menschen und dem Neandertaler geht, ist die sich aus diversen altsteinzeitlichen Funden („Venus von Willendorf“ und ältere „Venus-Figurinen“) ergebende Deutung einer recht Frauen- bzw. Mütter-zentrierten Struktur der Gruppen des altsteinzeitlichen Homo Sapiens naheliegend, während die explizit Großwild-jagenden Neandertaler fraglos mehr auf Kraft und männliche Dominanz ausgerichtet waren. Neue Gen-Analysen von Funden einer Neandertaler-Gruppe aus Nordspanien – von einer Wissenschaftler-Gruppe unter der Leitung von Carles Lalueza-Fox durchgeführt (s.u.) – ergaben, dass wohl in der Regel die Gruppe der männlichen Nachkommen zusammenblieb, die Frauen aber aus anderen Neandertaler-Gruppen stammten.

Ohne Austausch von materiellen Kulturgegenständen und Anregungen zwischen den Gruppen komplett auszuschließen (einige Funde legen solche Möglichkeit immerhin nahe) und auch ohne die durch Zungenbein-Funde eher naheliegende Sprachfähigkeit der Neandertaler in Frage zu stellen, kann man bezüglich des Verhältnisses Homo Sapiens – Homo Neanderthalensis nach Erkenntnislage fraglos nicht von einer Mischung von Gruppen an sich ausgehen. Was zu erwarten ist, ist z. B. eine Vergewaltigung von Frauen der jeweils anderen Gruppe bei sich bietender Gelegenheit.

Der erste „Filter“

Hier sei die Vermutung geäußert, dass die unterstellte komplexere Frau-Mann-Rollenverteilung beim Homo Sapiens gegenüber den – mit Grund angenommenen – starken männlichen Dominanz in den Neandertaler-Gruppen unabhängig von jeder genetischen Überlegenheit der Intelligenz seitens Homo Sapiens in der Gruppen-Kommunikation die Differenzierung von Sprache und Kommunikationstechniken erheblich gefördert haben könnte. Diese kulturellen Unterschiede mögen in der Konkurrenz den letztlichen Ausschlag geliefert haben.

Damit ist klar, mitochondriale DNA (nur über die weibliche Linie vererbt) ist von Neandertaler-Seite her nicht in die Gruppen des Homo Sapiens gelangt und ihr Fehlen kann auch somit nicht als Indiz für genetische Nichtvermischung herangezogen werden. Ausgeschlossen werden kann natürlich nicht, dass Frauen des Homo Sapiens geraubt und in Neandertaler-Gruppen verschleppt wurden. Solange es keine Verschmelzung beider Gruppen gab (wofür nichts spricht), spielt dieses für den weiteren Fortgang und die Frage der Mitochondrien-DNA keine Rolle, da die Neandertaler-Gruppen selbst verschwunden sind.

Ein zweiter „Filter“?

Es könnte also angenommen werden, dass in den Homo-Sapiens-Gruppen Kinder von Neandertaler-Vätern zu finden waren. Wie kommt es dann, dass sich im Y-Chromosom des modernen Menschen keine Spuren davon finden? Dieses wäre mit der geringen Zahl der Fälle u. U. erklärbar, es könnte aber einen weiteren „Filter“ gegeben haben.

Durch einen doch deutlichen Geschlechter-Dimorphismus könnten Söhne aus dieser Verbindung sehr viel mehr von der relativen „Grobschlächtigkeit“ des Neandertaler-Erbes gezeigt haben. Wenn nun die Rolle der Männer in den sozialen Homo-Sapiens-Verbänden eher eine „geduldete“ gewesen sein sollte, dann ist ihr Ausschluss vorstellbar und nur die weiblichen Nachkommen wären integriert worden. Damit wäre von diesen Vermischungen nichts an geschlechtsspezifischem Genmaterial überliefert worden und dieses Fehlen hätte gleichzeitig keine Aussagekraft hinsichtlich der grundsätzlichen Frage der Vermischung.

Vermischung und Klimaanpassung

Obwohl nun der Grad der Vermischung aus den vorgenannten Erwägungen sicher gering gewesen sein wird, muss sie keineswegs bedeutungslos gewesen sein. Dieses umso weniger, als in jener Phase der Entwicklung das Ausgeliefertsein an die Umweltbedingungen umso gewichtiger war. Hierbei spielen insbesondere die Vitamin D-arme Nahrung in Verbindung mit sonnenärmerer Umgebung der nördlichen Region als auch die Kälte eine Rolle.

Fraglos wird sich in Neandertaler-Populationen wegen der Entstehung derselben in nördlichen Regionen die Depigmentierung sehr viel weiter entwickelt haben. Auch der teils höhere und stärkere Nasenansatz beim selben steht wohl im Zusammenhang zum Klima. Ebenfalls wird sich das Verschwinden der feinen Körperbehaarung nicht so weit entwickelt haben wie in Afrika. Auch die sehr weitgehende Grazilierung des Körperbaus in Afrika mit den besonders langen Beinen und dem relativ kurzen Rumpf als Anpassung auf heißes Klima ist beim Neandertaler nicht so weit fortgeschritten. Es ist nun auffällig, dass gerade die „Europiden“ sich durch eine Reihe von anthropologischen „Primitivmerkmalen“ auszeichnen, die durchaus klimabezogen erscheinen.

Es ist also durchaus vorstellbar, dass die ursprünglich – wenn wir solche annehmen – geringe Beimischung von Neandertaler-Erbgut (ggf. auch anderer Menschenformen im zentralasiatischen Raum) sich unter den damaligen Bedingungen eingeschränkter Schutzmöglichkeiten als klimagünstig erwiesen hat und sich auf die – für uns heutzutage glücklicherweise unbedeutenden – Details der äußeren Erscheinung ausgewirkt haben könnte.

Homo Sapiens soziokulturell und sprachlich ein Afrikaner

Wir könnten es also mit einer „zweigleisigen“ Entwicklung zu tun haben: Eine durch die Vorgeschichte und die völlig unterschiedlichen Strukturen der Gemeinschaften bis auf eventuelle wechselseitige Nachahmungen praktisch komplett getrennte soziokulturelle Entwicklung, was auch die Sprache der neuen Einwanderer in die Kältezonen in ihrem „modernen“ (also mit der Entfaltung des Homo Sapiens verknüpften) afrikanischen Charakter erhält. Und auf der anderen Seite – durch die beschriebenen Mechanismen – eine gewisse genetische Beimischung von archaischeren Menschentypen bei den Auswanderern. Einsichtig scheint auf jeden Fall, dass bestimmte Entwicklungen der Menschheit und ihrer Wanderungen zum Verständnis die Hypothesen-Bildung im Felde zwischen Soziologie und Soziobiologie brauchen, quasi im Sinne einer „Paläo-Soziologie“. So sollen diese abschließenden Zeilen auch den Blick auf die in diesem Felde möglichen – wie vielleicht nötigen – Gedankengänge lenken.

Andreas Schlüter

Hierzu Neuestes

aus Science Daily: http://www.sciencedaily.com/releases/2011/07/110718085329.htm

Spektrum Direkt: http://www.wissenschaft-online.de/sixcms/detail.php?id=1057409&_druckversion=1

und aus dem Standard: http://derstandard.at/1293371004565/Revolution-in-der-Humanevolution

sowie weitere Links:

http://www.zeit.de/wissen/2010-12/denisova-mensch-neandertaler

http://www.3sat.de/page/?source=/nano/natwiss/144355/index.html

http://www.h-age.net/aktuelles/724-stone-age-csi-dna-spuren-belegen-paarung-von-neandertaler-und-homo-sapiens.html

http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/67425.html

http://www.welt.de/wissenschaft/article11747880/Neue-Erkenntnisse-zum-Liebesleben-der-Neandertaler.html

http://www.h-age.net/aktuelles/423-war-der-neandertaler-eine-lahme-ente-beim-rennen.html

http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/urzeit/neandertaler/neandertaler_aussterben.jsp

Interessante Website zur Humanevolution: http://www.evolution-mensch.de/ 

 

Kommentare
  1. […] Der Weg des Homo Sapiens: eine Geschichte der Vielfalt | WiPoKuLi […]

  2. […] Herausgeber stellt sich vor – about meThe Forgotten Struggle of West Papua and NeocolonialismDer Weg des Homo Sapiens: eine Geschichte der VielfaltDesinformation: auch zu Ruanda und Ost-Kongo!Some Music!Griechenland: Deus ex Machina? […]

  3. klaus janich sagt:

    hallo, andreas !

    einspruch, euer ehren!
    du schreibst, dass die mitochondriale dna (weibliche linie) nicht in die sapiensgruppen gelangten. ich sehe es aber genau anders herum. nur die weibliche linie ist nachweisbar!
    es war und ist wohl zu allen zeiten so, das sich frauen den (waffen)technisch überlegenen einwanderern/eroberern zuwandten. inwieweit gewalt eine rolle spielte, ist dabei sekundär.
    ich erinnere an die konquistatoren in lateinamerika, die sich genau wie die buren in südafrika mit den einheimischen frauen paarten. ich erinnere an das verhalten der frauen der südsee-inseln, und spasseshalber auch an das „frolleinwonder“ in old germany nach dem 2.wk.
    es ist also mehr als begründet, das „frau neanderthal“ bei passender gelegenheit statt einer neandertahalgruppe sich einer sapiensgruppe anschloss, schon der höheren überlebensrate wegen (ob es zu jener zeit eine ausgeprägte soziale differenzierung gab, lasse ich hier unbeachtlich).
    geschah dies des öfteren und über einen längeren zeitraum hinweg immer wieder,
    hatte „herr neanderthal“ ein problem: frauenmangel! auch eine art auszusterben.

    mit den besten grüssen! klaus

    • Schlüter sagt:

      Lieber Klaus,
      die langjährige Vermutung, dass es nicht zu Vermischungen zwischen Neandertalern und dem modernen Homo Sapiens gekömmen wäre, stützte sich auf die soliden Ergebnisse, dass weder mitchondriale DNA noch DNA auf dem Y-Chromosom im modernen Menschen nachgewiesen wurde, die auf den Neandertaler verweisen würde. Die Hinweise darauf, dass es doch zu einer Vermischung gekommen sei, resultiert aus der Analyse von Kern-DNA anderer Chromosomen, u. a. dem X-Chromosom. Die mitochondriale DNA wird ausschließlich über die weibliche Linie, die des Y-Chromosoms ausschließlich über die männliche Linie vererbt. Diese DNA ist also ungeeignet, grundsätzlich über Beimischungen zu entscheiden. Du trägst auch DNA vom Großvater Deiner Mutter in Dir, aber nicht auf dem Y-Chromosom, denn dass stammt ausschließlich von der Linie Deines Vaters. Du trägst auch DNA von der Großmutter Deines Vaters in Dir, aber keine mitochondriale DNA, denn die stammt ausschließlich von der Linie Deiner Mutter. Die Mitochondrien sind übrigens die „Kraftwerke“ der Zelle,die entwicklungsgeschichtlich in der Frühphase der Entwicklung des Lebens „eingeschlossene“ eigenständige Zellen waren, mit ihrer eigenen DNA. Sie werden aber nur über die Eizelle weitergegeben.
      Werden uns bei Gelegenheit noch mal über die Sache unterhalten.
      Herzliche Grüße
      Andreas

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