DIE LINKE und ihre „Rechten“: was wollen sie?

Veröffentlicht: Juni 22, 2011 in Politik
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Man sollte bei allen Querelen in meiner Partei denken, was uns grundsätzlich einte, sei die Überzeugung, dass Kapitalismus, Imperialismus und Rassismus dem Wohl der Welt, dem Wohl dieses Landes und der Gesellschaft abträglich seien. Man sollte meinen, dass neben der Auseinandersetzung, wie eine gerechtere, eine sozialistische Gesellschaft, die letztlich auch Vorrausetzung wirklicher Demokratie ist, zu erreichen sei, der Kampf gegen Rassismus, Chauvinismus und Antisemitismus eine wichtige Rolle spielen würde. Dazu muss man die Vertreter solcher gefährlichen Verirrungen in Politik und Gesellschaft identifizieren und sie zur politischen (oder ggf. juristischen) Verantwortung ziehen.

Falsche Anschuldigungen bagatellisieren reale Probleme

Übrigens ist natürlich auch männliche Gewalt Frauen gegenüber ein Punkt, an dem Linke keinen Spaß verstehen sollten. Und dieses trübe Feld gibt auch ein Paradebeispiel dafür, wie unglaublich gefährlich und kontraproduktiv falsche Anschuldigungen sind. Sie bagatellisieren das in der Tat Menschen immer wieder in großes Leid stürzende Verbrechen. Jüngste Fälle geben zum Grübeln Anlass. Eine falsche Anschuldigung hilft wirklichen Tätern, ihre Schuld, auch, wenn sie nachgewiesen ist, in Frage zu stellen und Zweifel in der Gesellschaft zu nähren, ob das Problem nicht vielleicht nur ein mediales ist.

Die gefährliche Neigung zur Relativierung

Ein fraglos immer noch existierendes Problem ist neben dem zunehmend „hoffähig“ werdenden Antisemitismus gegen die Mehrheit der Semiten, die Araber, auch immer noch latenter Antijudaismus bei Enkeln der damaligen Tätergeneration deutscher Verbrechen. Gesellschaftliche Relativierungstendenzen, die nicht darauf abzielen, die heutige Welt auf Scheußlichkeiten gegen Menschen zu überprüfen, wie es die Pflicht jedes sich „links“ verstehenden Menschen ist, sondern die moralische und geschichtliche Verantwortung dieses Landes „herunterzustufen“ nach dem Motto: „die anderen sind ja auch nicht besser!“. Diese Neigung greift dann auch gerne verschwiemelte Vorstellungen von der „Weltherrschaft der Juden“ in verschiedenen Kaschierungen auf. Ja, keine Frage, gesellschaftlich ist diese durch die früheren Jahrzehnte vom deutschen Kapital gepflegte „Entlastungslüge“ noch nicht ausgestorben. Die Mehrzahl der angelsächsischen weißen und protestantischen US-Kapitalisten hat diese „Weltdeutung“ auch nicht ungern. Und gerne lassen sie es so erscheinen, dass Israel die US-Politik bestimmen würde, lassen „den Schwanz mit dem Hund wedeln“. Dabei war es die von der Wirtschaftsmacht gesteuerte US-Politik, die doch eigentlich gezielt Israel zu ihrem „unsinkbaren Flugzeugträger“ im östlichen Mittelmeer gemacht hat, um die Erdölregion in Schach zu halten.

Haltet den Dieb!

„Haltet den Dieb!“, ruft gerne derselbe, um die Verfolger von sich ab in eine andere Richtung zu lenken. “Dieser Antisemitismus ist im unter Wasser treibenden Eisberg des Restsozialismus erhalten. Der betrifft ganze Heerscharen von Trägern des ehemaligen DDR-Systems. Ohne sie kann die Linkspartei nicht existieren”, behauptet der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Arnold Vaatz in der “Mitteldeutschen Zeitung”. So erklärt einer der politischen Helfer des Kapitals Antisemitismus und indirekt latenten Faschismus damit wesentlich zu einem „linken“ Phänomen. Wär´s nicht so gefährlich, könnte man nur amüsiert staunen ob solcher dummdreisten Unverfrorenheit! Da freut sich auch der vom Opa noch leicht infizierte verkappte Deutsch-Nationale, dass dieser menschenverachtende Mist kein rechtes, sondern ein „linkes“ Phänomen sei.

Zum imperialistischen Brückenkopf konditioniert

Nachdem die US-Politik alles getan hat, um Israel auf den Weg des brutalen Sachwalters westlicher Kapitalinteressen zu bringen, alles getan hat, es zur bedrohlichen Kreuzritter-Festung im Nahen Osten zu machen, die nicht den Vorgaben des Völkerrechts und der UN folgt, und einen palästinensischen Staat entstehen ließe, sondern diesen nach Kräften verhindert, ist die Umgebung natürlich entsprechend „freundlich“ gesinnt. Das hilft, entgegen jeder militärischen Logik des von 200 bis 300 Atomsprengköpfen strotzenden Staates, diesen als permanent bedroht darzustellen und bei unbedarften Jüdinnen und Juden Bedrohungsängste um „ihren“ Staat zu erzeugen. Dabei wird gerne verschwiegen, dass keineswegs alle Menschen jüdischer Abstammung Israel als „ihren“ Staat betrachten und nicht wenige Menschen in Israel dessen Politik sehr kritisch sehen. Wie dem auch immer sei, geschichtliche Traumata lassen sich hervorragend instrumentalisieren. Das es natürlich langfristig im Existenzinteresse Israels sein muss, mit seiner Umgebung zu einem gesunden nachbarschaftlichen Verhältnis zu kommen, ist dann eher von einer abgeklärteren historisch bewussten Sicht aus zugänglich. Diese langfristige notwendige Entwicklung wird aber von den Scharfmachern sehenden Auges untergraben, ihnen sind die Interessen eines Landes grundsätzlich nur gegen die Interessen anderer Länder und Gesellschaften zu verfolgen.

Was schert es sie

Das alles interessiert aber in der Tat diejenigen nicht, die die einzige zahlenmäßig bedeutende Partei in Deutschland, die zu Recht glaubt, dass die Probleme dieser Welt, dieses Kontinents und dieses Landes nicht auf der Grundlage von Eigennutz und Profitinteresse zu lösen seien, entweder kastrieren oder zerstören wollen. Da sind natürlich zuerst einmal die zunehmend von den Resten des deutschen Sozialstaates befreiten Kapitaleigner, im Neoliberalismus schwelgend. Die Handlanger des Kapitals, CDU und FDP, hassen DIE LINKE natürlich aus Prinzip. Die zum pseudosozialen Feigenblatt verkommenen SPD und die Oliv-Grünen hassen DIE LINKE als Spiegel dessen, was eigentlich nötig wäre, wovon sie sich aber längst als Handlanger des Imperiums verabschiedet haben. Sie sind zur Verfemung oder Domestizierung dieser ihren Interessen gefährlichen Kraft wild entschlossen. Da ist im orwellschen Zeitalter mit Unterstützung des Kommerz-medialen Mainstreams auch kein „Schwindel“ abgefahren genug, um nicht erprobt zu werden. Und nachdem sich der „Stalinismus-Vorwurf“ mit Vorsitzenden wie Oskar Lafontaine, Lothar Bisky, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst selbst dem „geneigten“ Publikum nicht glaubwürdig verkaufen ließ, muss was Anderes her, nämlich der angebliche „Antisemitismus“ dieser Partei.

Hassliebe

Aber auch wir haben in unseren Reihen und in unseren „Rängen“ nur Menschen. Gehasst zu werden ist nicht sehr schön, zumal, wenn man die Dinge nicht so klar sieht, dass es einem zur Ehre gereichen würde, von bestimmten Leuten gehasst zu werden. Auch möchten nicht ganz wenige es doch noch zu was bringen, nicht nur zu mäßig bezahlten Parteiämtern oder besser honorierten Parlamentssitzen, die man auch nicht durch Schmutzkampagnen verlieren möchte. Staatsämter sind schon was Feines, dabei spielt es für Manchen eine untergeordnete Rolle, ob man die Gesellschaft wirklich nach moralischen Grundsätzen verbessern kann. Es gibt auch nicht Wenige, die den Charakter gesellschaftlicher Auseinandersetzungen vergessen haben. Die nicht mehr begreifen, dass nicht nur in Staatsämtern Veränderungen zu erreichen sind, sondern gesellschaftlicher Druck oder andere Faktoren viel bewirken können. Hat nicht damals selbst eine in sich nicht sehr sympathische „Systemalternative“ in Form des Ostblocks das westdeutsche Kapital manchmal „handzahm“ agieren lassen? Sie haben vergessen, dass das Kapital eben auf „Drohkulissen“, wenn sie denn ernst gemeint sind, reagiert. Es gibt eben Menschen in unserer Partei, die lieber als machtlose „Juniorpartner“ in Koalitionen notfalls Scheinverbesserungen verkaufen, als ohne Amt eben die Drohkulisse zu geben.

Koalitions- und Regierungsfähigkeit

Wer nun also so „tickt“, braucht zum „einzig möglichen Weg“ das Etikett des Mainstreams, einer „ganz normalen Partei“ anzugehören, damit man wenigstens ein wenig „bauch-links“ agieren oder sich zumindest verkaufen kann. Man muss „angekommen sein“. Man braucht den Stempel „koalitions- und regierungsfähig“, egal, wer den verleiht. Aber, so ist es wohl, viele bei uns wollen nicht von der „Systemfrage“ ablassen, da Klima-Katastrophe, Elend der „Dritten Welt“, imperiale Kriege, Sozialabbau, Lohndrückerei, Ausgrenzung und Kinderarmut diese erzwingen. Da muss man wohl die Partei verändern. Man muss allen diesen Mitgliedern klar machen: wir kommen nirgendswo hin, wenn wir nicht ablassen von Antiimperialismus, nicht ablassen von ernstgemeintem Antikapitalismus, wenn wir nicht ablassen von konsequenter Antikriegshaltung etc. Also stößt man mit in das Horn derjenigen, die uns attackieren. Man will „der Partei“ klarmachen, „kehrt um von Eurem verderblichen Weg!“, „kommt an im bundesdeutschen Politeinerlei!“. Da ist das Wort von der „Staatsraison“ nicht ganz ungefährlich.

Was, wenn nicht?

Ja, aber vielleicht wollen viele Mitglieder nicht wirklich ablassen? Vielleicht fehlt zu vielen der „Sinn für politischen Realismus“? Vielleicht wollen sie keine „Realos“ werden, sich nicht auf den „Weg in Normalität“ mitnehmen lassen, wie es weiland bei SPD und Grünen gelang? Vielleicht wollen sie nicht den konsequenten Anti-Kriegskurs verlassen. Vielleicht wollen sie sich mit ihrer berechtigten Israelkritik, mit ihrer nötigen Solidarität mit den berechtigten Forderungen der Palästinenser nach einem lebensfähigen Staat, bestehend aus dem Gaza-Streifen, der Westbank und Ostjerusalem, und last not least mit ihrer unabdingbaren Solidarität mit linken Jüdinnen und Juden, die sich dem Einverleibungsanspruch in Hardcore-Zionismus wütend verweigern, nicht demütig als „Antisemiten“ beschimpfen lassen. Vielleicht wollen sie nicht zugeben, dass „sich die Sonne um die Erde dreht“?

Vielleicht wollen sie, dass Schluss ist mit der dreckigen Diffamierung. „Doch es gibt auch einen anderen Flügel der Partei. So setzen sich Politiker wie Petra Pau, Dagmar Enkelmann, Dietmar Bartsch oder Bodo Ramelow laut „Spiegel“ dafür ein, dass die Debatte um Antisemitismus ein Ende findet“, schreibt A. Wirth in „Israel-Netz“ ( http://www.israelnetz.com/themen/aussenpolitik/artikel-aussenpolitik/datum/2011/06/20/graumann-antisemitismus-hat-laengst-begonnen/), was bei denen wohl nur meinen kann, dass wir zustimmen sollen und seufzen: „ja, wir sind dreckige kleine Antisemiten, aber wir geloben Besserung“. Nein, wir sind ganz bestimmt keine Antisemiten, weder von dumpfen Gefühlen gegen Araber noch gegen Juden gesteuert. Aber ihr, die ihr mit diesen falschen Anschuldigungen herumspielt, versucht, die Shoa zu instrumentalisieren, die ihr leichtfertig durch falsche Anschuldigungen wirklichen Antisemitismus bagatellisiert, ihr agiert letzten Endes als Antisemiten!

Schleudersitz

Nun hat auch der „Genosse“ Bartsch sich wieder zu Wort gemeldet. Er sekundiert dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Graumann, ausdrücklich (»geradezu pathologischer, blindwütiger Israel-Haß« in Teilen der Linken), in dem er unserer Partei die angebliche Berechtigung der Vorhaltungen nahezubringen versucht, wie die „Junge Welt“ ausführlich berichtet (http://www.jungewelt.de/2011/06-22/043.php).

Will er nur Gesine Lötzsch und Klaus Ernst das Leben schwerer machen? Man fragt sich vielmehr weiter, glaubt er sich dem geneigten Publikum als Dompteur der LINKEn verkaufen zu können, quasi als „Roter Joschka“, oder ist er dabei, den „Schily“ zu machen. Will er sich den Oliv-Grünen oder der SPD als „Kronzeugen“ und prominenten „Übersiedler“ andienen? Sei´s drum!

Andreas Schlüter

Kommentare
  1. […] Bartschisten, kapiert es endlich!Tribute to my English Speaking ReadersKennedy and „No Change“DIE LINKE und ihre "Rechten": was wollen sie? […]

  2. Christian Moosbrugger sagt:

    Lieber Andreas Schlüter,
    zu deiner Antwort vom 17.: ich habe den ZuckermannVideobeitrag und weitere Vorträge Zuckermanns auf Video angeguckt, und dort sagt dieser, das die Palästinenser, mit denen
    über Westbank und Gazastreifen ja verhandelt werden müsste, derzeit keine Beauftragten
    haben, mit denen diese Verhandlungen verbindlich zu führen wären. Sie sind untereinander
    zerstritten und fraktioniert in einen radikalen sowie gemässigten Flügel. Faktisch wäre es so,
    wenn Israel, was Zuckermann aber trotzdem fordert, die Gebiete einfach „zurückgibt“, also
    die „Besatzung“ beendet, das sofort ein Chaos ausbrechen würde. Inwieweit die israelische
    Politik der Besiedlung „besetzter“ Zonen dazu dient, „Verhandlungsmasse“ für eine spätere
    Einigung zu erzeugen, mag dahingestellt sein. Man kann auch sagen, dies sei Antizipation
    bezüglich der arabischen (palästinensischen) Politik, die Region unsicher im Jetzt und in der
    Perspektive zu erhalten und damit die Attraktion für Zuzug oder Verbleib eines hohen Anteils
    derjenigen, die für das Projekt Israel sind, zu reduzieren.
    Was die Sicherheit der Bevölkerung angeht, die ja Grundlage für das Existenzrecht von
    Staaten überhaupt ist: Atomwaffen sichern hier nur etwas im grossen Massstab. Gegen Terror,
    etwa von Fundamentalisten, sind sie nicht einzusetzen. Auch hier erwähnt Zuckermann in
    seinen Vorträgen von sich aus die Existenz eines palästinensischen Fundamentalismus.
    Wenn man in dieser Situation auf derartig engem Raum (Israel ist nur so groß wie ein
    mittelgrosses Bundesland Deutschlands) Territorien ohne Pufferzonen zerstrittenen, teils feindlich, teils vielleicht nur ablehnend gesinnten politischen Gegnern überlässt, von denen ein Teil aber
    radikale, fundamentalistische Islamisten mit erklärt hoher Gewaltbereitschaft sind, geht man zumindest ein hohes Risiko ein.
    Schlimmstenfalls muss man sich dann mitverantwortlich fühlen für etwa tagtägliche Selbstmordbombenattentate in den grossen Städten Israels, oder man muss so eine schandbare Mauer errichten, wie es sie jetzt an einem Teil der Landesgrenze gibt, wodurch man wiederum
    die Empörung der Welt auf sich zieht (und natürlich ist das empörend, eine solche Landesgrenze!).

    Ich weiss nicht, ob du dich mit Psychologie befasst, aber mir kommen die Anliegen gegenüber
    der israelischen Regierung, alles zusammengenommen, manchmal vor wie das, was Paul
    Watzlawick einen „DoubleBind“ nennt: egal, was man tut, man tut immer etwas, was einer
    anderen gleichberechtigten Forderung diametral entgegensteht. Also macht man sich in
    jedem Falle schuldig, und die Vorwürfe, die daraufhin erhoben werden, sind auch berechtigt,
    es gibt aber keine Möglichkeit, ihnen zu entkommen.
    Zum Problem von Ursache und Wirkung: auf die Staatsgründung Israels wurde beinahe sofort
    mit Krieg einer gewaltigen arabischen Übermacht reagiert. Die heutigen „Besatzungsgebiete“
    sind Folge von Verteidigungskriegen Israels. Es steht in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht,
    das ein Land, welches einem Angriffskrieg ausgesetzt ist, den Gegner über eigene Landesgrenzen
    hinweg vertreiben und zum eigenen Schutz eine strategische Zone jenseits dieser Landesgrenze
    etablieren kann, bis die Absicht des Gegners, die Souveränität dieses Staates zu negieren,
    glaubwürdig nicht mehr besteht. Zwischen Israel und Ägypten konnte betreffend den Sinai ja
    auch eine derartige Lösung herbeigeführt werden. Sieht man Westjordanland und Gazastreifen
    als „imperialistisches“ Problem, muß man die, allerdings gescheiterten, „Imperatoren“ historisch
    gesehen für mein Empfinden eindeutig auf arabischer Seite ausmachen.
    Die Haltung der Bundesregierung betreffend, gilt: Der Antisemit definiert den Juden, nicht der
    Jude sich selbst, und daher der Jude auch nicht den Antisemiten. Wenn es stimmt, das die Regierung einen fortwährenden Ablasshandel (an dem vielleicht aber ein paar Anleger auch
    noch gut verdienen, ich weiss nicht, ob, schätze aber, das!) als Massstab der Politik gegenüber
    Israel zugrunde legt, dann kann Israel das Geld einfach nehmen, ohne die ersehnte Absolution
    zu erteilen, und ist moralisch vollständig legitimiert. Wenigstens wird mit dieser Kohle nicht noch
    mehr Schaden angerichtet, könnte der israelische Finanzminister wohl mit Fug und Recht sich denken.

    bis dann Christian Moosbrugger

    • Schlüter sagt:

      Lieber Christian Moosbrugger,
      Du gibst Dir ja wahrlich immer viel Mühe und schreibst so viel, aber überzeugen tun mich leider Deine Argumente nun gar nicht. Wäre Israel entschlossen, das Problem gemäß Völkerrecht und UN-Beschlüssen zu lösen, hätte es seine Mauer auch gern auf der grünen Linie bauen können. Es geht aber um Anderes! Die Karte des Ministeriums für die Aufnahme von Einwanderern zeigt, worum es geht: http://www.moia.gov.il/Moia_en/Offices/Map.htm !
      Nein, mit den westlichen Sicherheitsgarantien und entsprechender Unterstützung durch die UN könnte ein Entstehen des Palästinenserstaates ohne wirkliche Sicherheitsrisiken abgewickelt werden. Und Du schreibst davon, wie klein Israel sei. Wie klein soll denn nun der Palästinenserstaat werden? Ach ja, ich weiß schon, ein Vatikanstaat! Tut mir leid, Du hast selbstverständlich das Recht, zu glauben, was Du willst, aber mich wird man nicht von einer Position abbringen, die gegen Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus gerichtet ist!
      In diesem Sinne,
      Andreas Schlüter

      • Christian Moosbrugger sagt:

        Ok, wir werden uns eh nicht einig, gut finde ich aber, das du hartnäckig dabei bleibst,
        dich auch auszutauschen. An dieser Stelle finde ich oft in derartigen Diskussionen
        was anderes vor.
        Das momentane Problem mit dem Palästinenserstaat, so viel noch, besteht darin, das
        es keine Grundlage dafür auf deren Seite gibt, weil sie sich eben streiten, und weil ein
        Teil ihrer Repräsentanten das Existenzrecht Israels weiterhin nicht anerkennt.

        Wie gesagt, für mich privat denke ich, Jordanien sei bereits der Palästinenserstaat,
        und mit entsprechend pflegender Aufmerksamkeit der Welt würde er blühen und
        gedeihen und für die in Israel ansässigen Palästinenser ein Ort der Verheißung einer
        großartigen Zukunft sein können.
        Natürlich ist die Lage auch aufgrund der arabischen Seite in der Weise verzwickt, wie
        sie sich darstellt. Diese Differenzierung fehlt mir aber bei dir, vielen Linken im Allgemeinen,
        und auch bei Moshe Zuckermann. Von dem habe ich mir jetzt bestimmt vier Stunden
        Videomaterial reingezogen, ohne das darin in mehr wie zwei Sätzen die Palästinenser
        erwähnt wurden, geschweige denn andere arabische Anrainer.

        So, ich denke, argumentativ wird es langsam schwierig, sich nicht im Kreis zu drehen,
        und ich will nicht anfangen, dir auf den Wecker zu gehen

        Hat mich gefreut Christian Moosbrugger

  3. klaus janich sagt:

    werter herr moosbrugger!

    die geschichte israels begann keineswegs erst mit dem ende des 2.wk`s.
    ein kleiner geschichtlicher exkurs gefällig?
    theodor herzl, geb. am 2. mai 1860 in pest (heute budapest/ungarn), gest. 3. julei 1904.
    schriftsteller, begründer des modernen zionismus, vordenker des judenstaates.
    seine schrift „der judenstaat“ wurde am 17.juno 1895 herausgebracht. ziel des zionismus war es von anfang an, dem jüdischen bürgertum eine staatliche rahmenstruktur zu geben.
    um 1900 hat der brit. kolonialminister chamberlain dem zionistischen weltkongress ein gebiet im heutigen uganda angeboten. die zionisten lehnten ab. sie hatten schon längst palästina im sinn, das damals aber noch zum osmanischen reich gehörte.
    erst nach dem 1.wk wurde palästina brit. mandatsgebiet (neben irak, ägypten, transjordanien).
    und erst jetzt setzte eine organisierte jüdische einwanderung ein.
    der holocaust begann 20 jahre später. er war der beschleuniger, aber nicht die ursache,
    die zur gründung israels führte – 50 jahre nach herzl`s tod.
    diesen weg des zionismus zu ignorieren heisst nichts anderes, als der verlogenen/verheuchelten propaganda der rassisten aller coleur dienlich/erlegen zu sein.
    es gibt nichts, was aus dem nichts entsteht!

    mit besten grüssen! klaus janich

    • Christian Moosbrugger sagt:

      Lieber Klaus Janich (Antwort leider aus persönlichen Gründen verspätet),
      der Werdegang des Zionismus ist mir in Umrissen geläufig. Ich würde nicht das Existenzrecht
      Israels von Herzl herleiten. Ich finde, wie ausgeführt, die Orientierung am europäischen
      Nationalstaatsgedanken und die Herleitung von einer aus dem Absolutismus stammenden
      Idee von „Volk“ suspekt, was allerdings für die Anrainer Israels, die du nennst, genauso
      gilt. Viele Juden, die seinerzeit bestrebt waren, das ihnen lästig fallende tradierte Judentum
      zu überwinden, und die sich als intellektuelle Weltbürger definierten (wie etwa auch Karl
      Marx), wollten vom Zionismus auch nicht viel wissen. Wenn ich nicht ganz falsch liege,
      hat Marx aber den Absolutismus und den Nationalstaat als Überwindung der Kleinstaaterei
      und des Feudalismus und somit als geschichtlichen Fortschritt sowie eine Notwendigkeit auf
      dem Weg der Menschheit durch den Prozess der Geschichte wahrgenommen.
      Der Holocaust war tatsächlich ein Beschleuniger für die Gründung Israels. Ich glaube aber
      etwa nicht, das Briten und Amerikaner plötzlich erkannten, wie nützlich ein „unsinkbarer
      Flugzeugträger“ in dieser Region sei, oder das auch nur die Orientierung Israels auf den
      „Westen“ von vorneherein eine klare Sache war. Ich glaube, weder Briten noch Amerikaner
      wollten das Israel, welches ihnen die Überlebenden des Holocaust abtrotzten. Beide hatten
      aber im Bezug auf das Judentum, wegen ihrer nicht immer rühmlichen Politik vor und auch
      während des zweiten Weltkrieges betreffend die Verfolgungen durch das Hitlerregime, ein
      schlechtes Gewissen und wollten tatsächlich auch dem entgehen, das die Juden, ginge es
      mit Israel nicht voran, in anderer Weise mit Kompensationsforderungen lästig fallen würden.

      Israel war für sie ein „Cheap Trick“, um das Problem loszuwerden. Das nach der Staatsgründung die neue Regierung Israels dieses kollektive schlechte Gewissen der westlichen Welt geschickt ausnutzte, wie von Moshe Zuckermann beschrieben, ist unstrittig und stellt nichts in Frage.
      Kohärent dazu kann man wiederum die postkolonialistischen arabischen Führer wahrnehmen,
      die geschickt mit der Idee des „Sozialismus“ jonglieren, auf das ihnen Produkte sowjetischer
      Rüstung zuteil werden können. Ich glaube nicht, das diese Entwicklungen bereits alle in der
      Idee vom Zionismus des Herzl zugrunde liegen oder aus ihr abgeleitet werden können,
      einfach, weil das ein Monokausalismus wäre, der sonst nirgends existiert und einer grob
      einfach linearen Geschichtswahrnehmung entspricht, die mir absurd erscheint, wenn ich mal
      ehrlich bin. Zusammengefasst glaube ich gar nicht, das die Idee des Zionismus ohne den
      Holocaust das heutige Israel zustande gebracht hätte.
      Das Existenzrecht Israels leitet sich aus dem Holocaust ab, insofern die Überlebenden der
      Konzentrationslager die Idee Herzls, der sie vor dem Hitleregime ganz anders, gleichgültig
      oder ablehnend, gegenübergestanden haben mögen, in etwas Neues verwandelten: nämlich
      einen Schutzraum für sich und Nachkommende, auch die Möglichkeit, zwischen sich und das
      Erlebte Distanz durch Ortswechsel zu bringen, auch die Möglichkeit, durch Hoffnung und Glaube an ein gemeinsames zukunftsträchtiges Projekt die Tatsache der persönlichen Negation und Auslöschung durch unendliche Demütigung, entsetzliche Folter, Jahre der Todesangst sowie des Erlebnisses der untätigen Hilflosigkeit angesichts der Demütigung, Folterung und Ermordung von Anverwandten, Töchtern, Söhnen, Frauen, Männern, Schwestern, Brüdern zu kompensieren.

      Israel ist in diesem Sinne ein Projekt des Glaubens, wie es gleichzeitig völlig säkular und materiell ist, es ist Glaube und Hoffnung in die weltliche Tat umgesetzt, im besten Sinn eine Einlösung der Marxschen Forderung, man müsse die Welt verändern, statt sie stets neu zu beschreiben, und niemals, denke ich, hatten Menschen ein fundamentaleres Recht, einen Staat zu gründen, als die Überlebenden des Holocaust im Bezug auf Israel. Das hat mit Zionismus nur insofern zu tun, als das die Logistik nutzbar gemacht wurde. Die moralische Legitimation ist jedoch ganz und gar unvergleichlich und unendlich entfernt von Herzl. Ich finde, nicht nur ein Deutscher muß auch heute noch schamhaft die Augen niederschlagen, wenigstens, sieht er etwa Claude Lanzmanns „Shoah“. Und für mich ganz persönlich ist eben dieser Claude Lanzmann und sein gewaltiger Film, von dem einige sagen, es sei der wichtigste Film aller Zeiten, zum Beispiel eine entscheidende Referenz, ebenso, wie etwa Sartre, jedoch noch mehr als dieser, denn Lanzmann ist eben auch Jude.

      Wo hätte ein Überlebender von Ausschwitz sich niederlassen sollen nach dem Krieg? Was ist weit genug entfernt davon, als das gesagt werden könnte, er habe auf nicht mehr als den erreichten Abstand Anspruch. Wer würde das definieren können? Ich glaube nicht, das die Amerikaner Lust dazu hatten, allen Verfolgten des Nationalsozialismus einen neuen Anfang in ihrem Land zu ermöglichen, dito die Briten. Wie es mit Flüchtlingen läuft, sieht man auch heute
      noch aller Orten. Es ist dabei stets ohne Belang, was die Menschen schon erlitten haben, sie
      werden aufs neue interniert, misshandelt und abgeschoben (so wie auch die „Palästinenser“
      von ihren arabischen „Mitbrüdern“ behandelt werden: frag mal einen, wenn du einen triffst,
      danach!). Zig Millionen Opfer der Nazis haben den Weg gewählt, zu bleiben, zurückzukehren
      an den alten Ort. Die meisten mußten erleben, das ihre früheren Peiniger bald wieder Jemand
      waren, die Mitläufer sich im Wirtschaftswunder emporschwangen, während sie selbst,
      verkrüppelt an Körper und Geist, verarmt, aufs neue verspottet, dahinsiechten.

      Wenn man prominente „Beispieljuden“, die sich in der neuen Bundesrepublik etabliert haben, ansieht, sei es ein Hans Rosental, sei es ein Marcel Friedman oder der „ehemalige“ Linke Broder (ehrlich gesagt fallen mir so viele ad hoc gar nicht ein, auch komisch, was?!), kann
      man das Gefühl haben, ein Staat Israel sei entbehrlich, weil es hierzulande kein Judenproblem
      mehr gibt. Aber ich schätze, es gibt auch nicht mehr allzu viele Juden hier! Oder sie sind solche
      unter Verzicht auf eine historische Definition ihres Jüdischseins, also de-facto-nicht-Juden, die
      sich arrangiert (nicht assimiliert!) haben. Komisch, nur, das wir Täterkinder uns nicht arrangiert
      haben, jedenfalls nicht nennenswert. OK, es wurde die IG Farben abgewickelt, wie sie es uns
      gesagt haben, wir haben Gedenkstätten wie Plötzensee, Ausschwitz, Dachau, etc., zu denen
      wir unsere Kinder hinschicken, damit sie sich dort langeweilen und Tags an die Barackenwände
      machen. Aber was uns die Erinnerung bewahrt, sie erzwingt, uns zwingt zum Anhören peinlicher Gedenkreden, Solidaritätsversicherungen und mißglückter Relativierungen wie
      jener von der „Gnade der späten Geburt“ eines nachgekommenen Meisters aus Deutschland, uns ab und zu, wenn wir auf der Autobahn von einem Mercedes überholt werden, daran denken lässt, das dieser Hersteller einst Hoflieferant Adolf Hitlers war, das hat doch alles mit
      der tatsächlichen, materiellen, faktischen Existenz Israels mehr zu tun, als man zunächst
      einmal annimmt. In dieser Hinsicht müssten wir froh sein, als Linke(!), das es Israel gibt, mag es so wie ein Geschwür sein, das am Arsch des neuen Deutschland hängt und das durch einfaches Scheuern verhindern hilft, das der Stechschritt wieder so zackig wie dermaleinst
      gelingt.
      Ich bin mir ganz sicher, wären Marx und Luxemburg Zeitgenossen der Staatsgründung Israels
      gewesen, sie hätten diese nicht nur begrüsst, sondern wären hingefahren, um mitzumachen!

      Natürlich bedingt das Konzept des Schutzraumes Wehrhaftigkeit und natürlich hat Moshe
      Zuckermann recht, wenn er ein Gleichgewicht des Schreckens konstatiert, welches aus dieser
      israelischen Wehrhaftigkeit im Nahen Osten hervorgegangen ist. Jedoch beruht dieses
      Gleichgewicht des Schreckens auf Prädispositionen des eklatanten Ungleichgewichtes,
      was Räume und Bevölkerungszahlen angeht. Die Kriege, die Israel führte, führte es zur Verteidigung, sie sicherten den Schutzraum, und die dabei besetzten Gebiete sind als Pufferzonen sogar unzulänglich. Die Israelis werden tagtäglich direkt bedroht durch Terror islamistischer Fundamentalisten sowie Erreichbarkeit gegnerischer Waffensysteme. Diese Situation macht das heutige Israel nicht gerade zu einem attraktiven Aufenthaltsort und es droht ein Scheitern des Projektes durch „Ausbluten“.

      Das Linke wie Moshe Zuckermann aus solcher Analyse nur den Schluss ziehen, Israel sei
      eben, wie etwa Belgien oder Dänemark, darauf angewiesen, sich „Gutnachbarlich“ in der
      Region einzufügen, halte ich persönlich für Zynismus, wenigstens von der gleichen Kategorie,
      wie es die „Gnade der späten Geburt“ des Doktor Kohl auch ist.
      Man kann in Frage stellen, ob das Projekt Israel funktioniert, ob das hinhauen kann, was man
      sich dort vorgenommen hatte, ob es zwangsläufig scheitern musste, durch bestimmte Fehler
      und Unzulänglichkeiten seiner „Macher“ gescheitert ist. Man kann auch sagen, das man es
      gar nicht will, vor allem, als Jude, das man sich nicht hineinzwingen lässt von einer dämlichen
      Verbrecherclique ins Judentum, sei es eine Clique von Nationaldeutschen Faschisten oder
      eine Clique von Islamistischen Faschisten. Man kann das Postulat vom Weltbürgertum
      aufrecht erhalten oder darauf bestehen, man sei, was man sei, Deutsch, oder sonstwas,
      und man brauche dieses Israel gar nicht, und auch sonst brauche es kaum jemand.

      Ich finde diese Haltung (anders als die Zuckermanns oder deine, die ihr euch an Israel beständig abarbeitet) völig legitim, aber nicht legitim, lange noch nicht, das ein Deutscher einem Israeli sagen kann, dieser brauche dieses Israel gar nicht, denn als Jude sei er lediglich ein Angehöriger einer bestimmten Religion, und basta. Ich glaube (hoffe!) mein Opa mütterlicherseits hat als Soldat der Wehrmacht nicht den Knüppel geschwungen bei einem Judenprogrom, aber ich wäre doch voller Scham, würde mich ein Jude bitten, ihm das Foto meines Opas als Reichsdeutscher Kradmelder zu zeigen, obwohl mein Opa darauf stattlich aussieht, fast wie Stauffenberg.
      Was gar nicht geht, ist aber, das Existenzrecht Israels zu konstatieren, ihm aber abzusprechen,
      das es sich verteidigen können sollte, denn, wie gesagt, seine Legitimation besteht ja gerade
      durch seine Wehrhaftigkeit. Jeder Staat hat das Recht, seine Bürger zu schützen, und wenn
      dieses allen Anrainern, auch allen anderen, zugebilligt wird, kann man es nicht als einzigem
      Israel absprechen, denn dann führt man ja schon wieder Sondergesetzgebung betreffend das
      Jüdische ein.

      Shalom, wenn es halt eben geht! Christian Moosbrugger

      • Schlüter sagt:

        Lieber Christian Moosbrugger,
        erfreulich, dass sich solche angeregte Diskussion hier entspinnt. Möchte mich auch von meiner Warte nochmal einschalten. Von meinen Beiträgen ausgehend ist die Existenz Israels ja keineswegs in Frage gestellt. Es gibt nur einige wesentliche Punkte: 1) Noam Chomsky beschreibt sehr eindringlich, dass viele Überlebende der deutschen Verbrechen in Europa lieber in die USA ausgewandert wären als nach Israel. 2) Die reale Ursache für die „Geburt“ Israels in seiner konkreten Form ist historisch kaum ohne die unglaublichen deutschen Verbrechen möglich. 3) Die Gründung Israels hat zu schwerem Unrecht an den Palästinensern geführt, das als solche anzuerkennen ist. 4) Es geht im Wesentlichen heute keineswegs um die Existenz Israels, dass mit seinen 200 bis 300 Atomsprengköpfen von keiner regionalen Macht ohne die Wahrscheinlichkeit der eigenen Pulverisierung angegriffen werden könnte. 5) Es ist international sicherzustellen, dass gemäß Völkerrecht und UN-Beschlüssen ein palästinensischer Staat bestehend aus Gaza-Streifen, Westbank und Ostjerusalem entsteht und eine vernünftige Lösung des Flüchtlingsproblems gefunden wird. 6) Wer diese Lösung tatsächlich sabotiert, ist die israelische Regierung mit recht breiter „demokratischer“ Unterstützung. Langfristig gefährdet dieses schon den Staat Israel. 7) Der Verdacht ist nicht unbegründet, dass die israelische Politik langfristig weiterhin auf den „Transfer“ abzielt. 8) Einfluss aus einer Gesellschaft heraus kann man auf die Politik der Staaten ausüben, mit denen die eigene Gesellschaft und der eigene Staat eng verbunden ist, was im Falle Israels zutrifft. 9) Die deutsche Politik ist in dieser Frage nicht menschen- und völkerrechtsorientiert, sondern „Ablasshandelsorientiert“.
        Schönen Sonntag
        Andreas Schlüter

  4. Christian Moosbrugger sagt:

    Die Ableitung Zuckermanns zu Israel aus dem Zionismus ist unzulänglich. Das der
    Zionismus der nationalsaatlichen Epoche entstammt, ist zwar richtig, aber die
    Anrainerstaaten Israels entstammen ja der gleichen Epoche. Nirgends in der Region
    ist ein Staat, der die Voraussetzungen an Nationalsaatlichkeit, die Zuckermann, als
    klassischer Eurozentriker übrigens, aus dem, was er von der Entwicklung der Nationalstaaten Europas kennt, ableitet, erfüllt. Jeder ernstzunehmend objektive Historiker würde gerade
    hier ein Grundproblem der gesammten Region sehen, das zwar europäisch generierte
    Vorstellungen die Staaten jener Region definierten, dort aber eine jahrhundertealte
    nomadisierende Stammeskultur nicht die Grundbedingung eines „Volkes“, welches
    seine Nationalsaatlichkeit jetzt definiert, wie sie der eurozentrische Staatsrechtler für
    voraussetzend erachten würde, erfüllt. Dieses „postkolonialistische“ Dilemma der
    Nachahmung einer Entwicklung in kolonialisierten Regionen unter aber ungleichen
    Prädispositionen macht auch ein Definitionsproblem für den Staat Israel, wenn man
    nicht dort eine Sonderbedingung vorliegend hätte, die eigentlich sozusagen „das gelbe
    vom Ei“ ist, und für oder gegen welche man sich eben entscheiden muss, um welche
    sich Zuckermann aber, wie ich persönlich finde, mit relativ simplen Taschenspielertricks
    (er macht aus der Shoah einfach eine Art Volksmythos, wie es etwa die „Schlacht am
    Teutoburger Wald“ ist, und benutzt als Referenz hierfür auch die Sprachlosigkeit der
    davongekommenen Opfer gegenüber ihren Nachkommen, die es natürlich nicht nur
    unter den Tätern zu konstatieren gibt) drückt.
    Für mich generiert sich das Existenzrecht Israels aus dem, was im Dritten Reich geschah.
    Das lässt Zuckermann völlig aus. Dito die Aggression der Anrainerstaaten. Zur PLO fällt ihm
    lediglich ein, diese habe demokratische Absichten gehabt, diese durch „Besatzung“ Israels
    aber nicht umsetzen können. Naja, das kann man über Ariel Sharon jetzt aber auch sagen,
    und das kann ich auch über Hitler sagen. Der wollte auch ganz was anderes, wie was dann
    passiert ist. De facto zeigt Zuckermann die Perspektive einer möglichen Veränderung im
    arabischen Raum gar nicht auf, es ist, als sei Israel ein in Gelee gegossenes Artefakt seiner
    Untersuchung.
    Wie gesagt, man muß das Existenzrecht Israels nicht anerkennen, aber dann sollte man das,
    egal, wie man dann benannt wird, auch ansagen. Welches historisch definierte Recht haben
    denn etwa die Palästinenser, einen Staat zu fordern? Das die Israelis auch einen haben? Das
    sie dort wohnen? Was definiert einen Palästinenser im Unterschied zu einem nichtjüdischen
    Israeli? Zuckermann beschreibt die „Fetischisierung“ und „Faschistisierung“ Israels. Beides,
    finde ich, muss man tatsächlich konstatieren, wenn es um Palästinenser geht, und auch die
    Psychologisierung der Gründe lässt sich, bezogen auf faktische Realitäten, hinsichtlich von
    „Schuldgefühlen für Vatermord“, wie durch Zuckermann zur Sprache gebracht, bruchlos
    umkehren und auf Linke projizieren. Gerade historische Väter der Linken, wie auch Marx,
    waren ja Juden. Ich glaube, die Linke hat es nicht „verkraftet“, das „jüdisch“ unversehens
    wieder eine Kategorie darstellt. Das sind aber nicht die „Juden“ schuld, sondern diejenigen,
    die ihnen das „jüdische“ in den Konzentrationslagern wieder eingebleut haben. Ich empfinde
    genau diese Art von Verantwortung (obwohl mein Vater gar kein Deutscher ist!) gegenüber
    Juden, aber nicht gegenüber Palästinensern (obwohl letztere vielleicht sogar eher „Semiten“
    sind, erstere gewiss nicht).
    Noch was zu „Antisemitismus“: Dieser Begriff beschreibt für mich einen bestimmten degenerativen
    historischen Prozess, es gibt keine sinnvolle Definition über Gruppen, denen man gegenüber
    „antisemitisch“ sein könnte oder nicht (Juden, Araber, Moslems). Im wesentlichen ist dieser
    Begriff geprägt durch Relativierung oder Negation bürgerlicher Rechte für bestimmte Gruppen
    im modernen Nationalstaat, wobei die Gruppe sich gar nicht als Gruppe empfinden muss,
    sondern die Erklärung, man gehöre ihr an, dem Individuum aufgeprägt wird. Dem Konzept
    wohnt die Vorstellung vom „Sündenbock“ inne. Es liegt auf der Hand, das jemand, der das
    Gefühl hat, im Nahen Osten seien die Israelis (von Linken) als ein „Sündenbock“ ausgemacht,
    (und ich kann nicht umhin, zu denken, das Zuckermann dem Staat Israel genau jene Funktion
    eines „Sündenbocks“ für die Region zuteilt) diese Haltung mit dem Terminus „Antisemitisch“
    belegen könnte (ich selbst gehe nicht soweit, da ich glaube, der „Antisemit“ muss eine „böse“
    Absicht haben, aber ich nicht glaube, Zuckermann oder andere Linke hätten „böse“ Absichten).

  5. klaus janich sagt:

    hallo andreas !!

    nun muss ich mich doch zu wort melden. die von herrn moosbrugger vorgebrachten argumente sind ein sammelsurium von halb- und unwahrheiten. das kann ich nicht so stehen lassen.,
    A) zur geschichte.
    die UN hat nie über das haschemitische königreich abgestimmt (das heutige jordanien).
    zur debatte stand einzig und allein das brit. mandatsgebiet palästina. die damals beschlossene
    2-staaten-lösung ist bis heute nicht umgesetzt. israel führte 5 kriege (1948,1956,1967,1973,1982), die es allesamt brilliant gewann. für einen zwergenstaat, hilflos, wehrlos, machtlos, ein wundersames ergebnis. und? hat israel auch nur ein einziges soziales, kulturelles oder politisches problem gelöst? nein. gewalt löst keine probleme, es ist das problem selbst.
    durch druck von aussen wurden inzwischen friedensverträge mit ägypten und jordanien geschlossen. mit dem anstehenden wandel in syrien wird auch da bewegung in die sache kommen. aber das palästinenserproblem bleibt. israel wird kooperieren müssen.
    der wirklich gefährliche feind israels ist israel selbst. d.h. dessen arroganz, sprich sein rassismus.punktum.
    B) zu den lösungen des herrn C.M.
    die deutschen rassisten verübten ein ungeheuerliches verbrechen an menschen, nur weil diese juden waren. einige konnten rechtzeitig fliehen. statt diese flüchtlinge nach dem krieg in ihre heimatländer zurück zu bringen, sorgte man dafür, dass sie „ins gelobte land heimkehrten“. das dies eine nachträgliche rechtfertigung der NS-verbrechen darstellt, sei nur am rande erwähnt. bemerkenswert ist der kolonialherrenstil mit dem hier einem volk ein gebiet zugewiesen wird.
    so wie weisse siedler in den usa die eingeborenen in reservate trieben, die buren in südafrika die schwarze bevölkerung in bantustans, (irgend wie erinnert mich das auch an die „national befreiten zonen“ laut npd-propaganda), genauso wurde den juden ein gebiet angewiesen (natürlich bei tatkräftiger zusammenarbeit mit zionisten). herr C.M. findet das gut. nun ja, gleiche brüder gleiche kappen. die in palästina lebenden araber haben hurtig, hurtig über den jordan zu gehen (in des wortes doppelter bedeutung). eine zweite gebietszuweisung. solch einen verschiebebahnhof hat es sonst nur noch unter stalin in der SU gegeben.herr C.Moosbrugger hält das mit der menschenwürde, den menschenrechten und allgemein mit menschlichkeit vereinbar. solch ein konzept lässt sich aber nur mit brutalster gewalt durchsetzen und aufrecht erhalten. und genau das ist israelische politik seit 60 jahren.
    C) zu der hoffnung des hernC.M. die „linke“ möge sich auflösen.
    nein, das wird sie nicht tun

    mit besten grüssen ! klaus

    • Schlüter sagt:

      Lieber Klaus,
      dank Dir für Dein Engagement! Ich glaube, der Christian Moosbrugger will nicht wirklich sehen. Es ist wohl für den im kommerzmedialen Mainstream gebadeten Geist die Wahrheit so etwas wie das Tageslicht für den Vampir. Aber man vergesse nicht, ein Vampir ist vorher vom Vampir gebissen worden! Ich nehme es dem Menschen nicht übel, wenn er sich gegen die Wahrheit sträubt, denn wenn man´s erstmal begriffen hat, wie uns ins Gehirn gesch… wird, dann möchte man schier aus der Haut fahren. Wie bei einer erfolgreichen Psychoanalyse geht´s dem Betroffenen danach nicht unbedingt gut!
      Herzliche Wochenend-Urlaubsgrüße aus dem Schwearzwald
      Andreas

    • Christian Moosbrugger sagt:

      Lieber Klaus Janich
      1. in diese Karte kannst du selbst die Staatsgrenzen des heutigen Israel sowie des heutigen Jordanien einzeichnen http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:BritishMandatePalestine1920.png&filetimestamp=20070503094638
      2. Inwieweit Israel etwas ist, was nachträglich Himmler und Hitler nochmal rechtfertigt, kann
      man glaube ich den Israelis selbst überlassen.
      3. Die Israelis wurden nicht nach Israel abtransportiert. Es hat aber keine Überlegungen der
      Siegermächte gegeben, soweit ich weiss, Ihnen etwa Norddeutschland oder Sizilien zur
      Kompensation zu überlassen, Insofern war es sicher nicht gerade ein Unglück für sie, das
      die Israelis ihnen den Gefallen taten, das auch nicht zu fordern, Natürlich könnte es jetzt
      noch passieren, wenn man mal über eine ganz verrückte Lösung der Sache nachdenkt, und
      dann wäre eine mögliche Konsequenz, dass das neue Israel in Europa ausgerechnet dort
      eröffnet wird, wo du wohnst. Hoffe, das du dann nicht eine Terrororganisation aufmachst,
      sondern einfach ein Stück beiseite rückst.
      4. Ich glaube nicht, das die „Palästinenserfrage“ überdauert. Ich glaube, mit der demokratischen
      Öffnung der Anrainerstaaten wird die wirtschaftspotente „Pax Americana“ auch reüssieren, und
      wenn sich für Palästinenser im arabischen Raum Perspektiven auftun, werden sie, in Israel
      oder anderswo, diese nutzen. Ich glaube (mit Hardt/Negri) nicht daran, das dann ein Endzustand
      erreicht wird, jedoch, das die von ihnen beschriebene Form des globalisierten Wirtschafts-
      imperialismus postkolonialistische Nationalstaatlichkeitswunschträume und daraus resultierende Kriege durch etwas anderes ersetzen wird, und das eine Umkehr nicht nur unmöglich, sondern
      auch gar nicht wünschenswert ist.
      5. Für mich verläuft die Front nicht mehr dort, wo ihr steht. Ich möchte persönlich aber keineswegs
      dich bedroht wissen durch Auflösung deines sozialen Biotopes. In Blogs darf auch polemisiert
      werden, und es lag mir daran, etwas wirklich deutlich herauszustellen. Lieber als eine aufgelöste
      Linke wäre mir eine erneuerte Linke, die sich nicht stets wieder in die alten Defensiven gedrängt
      vorfindet.

      • Schlüter sagt:

        Lieber Christian,
        zu Deiner Information: der große englische Philosoph Arnold J. Toynbee hat nach dem zweiten Weltkrieg vorgeschlagen, den jüdischen Staat im Rheinland zu errichten, dann hätte das deutsche Volk für seine Untaten an der Judenheit bezahlt und nicht die Palästinenser. Aber alles Gerede hier kann den entscheidenden Punkt nicht außer Kraft setzen: es gibt das Völkerrecht und UN-Beschlüsse, punktum!
        Andreas

  6. Christian Moosbrugger sagt:

    Die völkerkundlich und auch sonst schwachsinnige Kategorie „Antisemitismus“ wird unnötig aufgewertet, wenn man noch die Kategorie „Antijudaismus“ hinzuerfindet. Hiermit stellt man
    erst dar, das man „Antisemitismus“ als relevante ethnologische Kategorie wahrnimmt, denn
    man stellt ihr ja eine zweite Kategorie aus dem eigenen Bezugssystem zur Seite und adaptiert
    selbiges hierdurch an die Vorgaben derjenigen, gegen die man eigentlich sprechen möchte.

    Genauso läuft der ganze Streit um Israel. Indem man dessen Existenzrecht ausschliesslich mit imperialistischer US-Nachkriegspolitik assoziiert, übernimmt man vollständig und ohne jegliche
    Reflexion den Sprachgebrauch rechtsradikaler, selbst ausgesprochen imperialistisch agierender
    despotischer Gewaltherrscher der Region. Deren Traum ist nicht Gerechtigkeit und Frieden
    sondern die panarabische Union, ein Imperium als Gegenweltmacht zum Imperium Americanum
    oder anderer, noch auszumachender Feinde. jedenfalls behaupten sie dies, um sich die
    Taschen vollzustopfen und vor der Bevölkerung Gründe anführen zu können, das diese trotz
    märchenhaftem Reichtum ihrer Herrscher (siehe u.a. Mubarak, Gaddafi, Ben Ali) kaum am
    Geldsegen durch das Öl partizipiert.

    Im zweiten Weltkrieg stand u.a. auch der vielgepriesene, von radikalen Moslems wegen der
    Annäherung an Israel ja ermordete Sadat, politisch auf der Seite Nazideutschlands (was noch
    mal ein Blitzlicht auf die Schwachsinnigkeit der Kategorie „Antisemitismus“ sowie eurer Allegorie
    des „Antijudaismus“ wirft). Aus dem britischen Mandatsgebiet gingen Israel und Jordanien hervor.
    Die Existenz Jordaniens ist, zum Leidwesen jener, die einst als Zionisten ins Land kamen,
    vollständig vollzogen. Das Land ist völkerrechtlich anerkannt und in der Region verankert.
    Da ist bereits der Staat der Palästinenser, sofern man unter diesen die Bewohner der Region
    nichtjüdischen Glaubens verstehen will. Auch „Palästinenser“ ist übrigens so eine Kategorie,
    die man erst extra erfinden musste, um sie dann agitatorisch nutzen zu können.

    Leider existiert die panarabische Union nicht, und wird dies niemals tun. Die Zeit geographisch
    begrenzter Imperien neigt sich bereits dem Ende zu. Die Leute wenden sich von jenen ab, die
    solche rassisch, religiös oder sonstwie definierten Übernationen als zu erkämpfende Paradiese
    versprechen. Sie haben gemerkt, das darin keine Zukunft liegt. Auch Araberjungens stehen auf
    Lady Gaga. Die Phase des Postkolonialismus, dessen Exposition u.a im Nahostkonflikt sich
    vollzog, geht zuende.

    Aus der Geschichte lernen um die Welt zu verändern bedeutet auch, Standpunkte aufzugeben,
    um neue zu definieren. Hier sehe ich nichts bei euch im Bezug auf Israel oder die panarabisch
    dahindümpelnden Ölstaaten und ihre Anrainer, sowie die Palästinenserfrage. Die bruchlose Solidarität USA-Israel existiert nicht. Die USA haben im vorderen Orient stets larviert und haben
    auch Militär etwa in Saudiarabien. Amerika ist keineswegs irgendwie jüdisch dominiert. Die
    meisten der zum Teil äusserst extremen Einlassungen von Anhängern des Panarabismus
    bezüglich des Existenzrechtes Israels oder der Lebensrechte Menschen jüdischen Glaubens
    werden von der Regierung Amerikas, und auch von der Bevölkerung westlicher Nationen im
    Allgemeinen, und auch insbesondere vom Linken Spektrum innerhalb dieser Bevölkerung,
    gar nicht oder nur am Rande wahrgenommen, die Reaktionen deuten kaum darauf hin, das
    man sie ernst nimmt, oder es Israel, oder Juden, zugesteht, sie ernst zu nehmen.

    Schliesslich wurden Linke und Juden durch Hitler, der aus diesen beiden Kategorien ja seine
    Weltverschwörung ableitete, wie fast niemand sonst verfolgt. Dies hätte eigentlich zur Folge
    haben müssen, das man den Staat Israel vorbehaltlos begrüßt und unter allen Umständen
    unterstützt. Selten hat ein Land ein besser begründbares Existenzrecht gehabt als Israel als
    Zuflucht für die Verfolgten des Holocaust. Das Land ist winzig, und die umliegenden Nationen
    haben gewaltige unbewohnte Regionen, die sie noch nicht mal nutzbar machen, weil sie die
    Gebiete wegen der geringen Zahl ihrer Staatsbürger gar nicht benötigen. Man könnte Paradiese
    für sämtliche Flüchtlinge dieser Welt dort anlegen, und zwar mit einem Bruchteil der Mittel, die
    man benötigt, um die inner-und panarabischen nationalistisch-ethnischen Scharmützel und die
    Machthoheit korrupter Herrschercliquen (nochmal: Gaddafi, Mubarak, Ben Ali) am köcheln zu
    halten bzw. zu gewährleisten.

    Für mich ist links nicht, mit Rhetorik aus der Mottenkiste Solidarität mit Ausbeutern
    herzustellen, die hier und da, wenn ein westlicher Schreiberling vorbeikommt, mal träge lächelnd von Volksherrschaft oder direkter Demokratie faseln, und es sonst üppiger treiben als die schlimmste vorstellbare Karikatur eines kapitalistischen Manchesterbonzen. Mag sein, das
    Gaddafi wirklich mal von einer Revolution träumte, welche die Menschen mitnimmt und eine
    bessere Welt erschafft. Wenn es so war, ist es schief gelaufen. Jetzt ist er ein wahnsinnig
    gewordener Diktator, so wie der langsam absterbende Hitler einst am Ende des Dritten Reiches.

    Für solche Typen ist Israel der unsinkbare Flugzeugträger im Nahen Osten, und ihr nehmt diese
    grob gerüttelte Metaphorik ganz ungeprüft in den Sprachgebrauch. Ne. das ist überhaupt nicht
    Links. Für mich war Links immer dort, wo tiefer nachgedacht, besser reflektiert, weniger abge-
    leugnet wurde, sich mehr Bereitschaft zur Veränderung zeigte. ihr könnt nicht mal dumme
    Spruchbänder konservativer Populisten aushalten, ohne gleich zu rotieren. das liegt nicht an
    der Ernsthaftigkeit von deren Angriffen, sondern an der Schwächlichkeit eurer eigenen
    Position. Die lachen über euch und staunen, wie leicht es ist, euch den Garaus zu machen!

    Wenn ihr euch genug gefetzt habt, suchen sie wieder einen aus, der sich ans Rednerpult
    stellt und feixend eine rausholt. Nee, die wollen euch nicht weg haben. Was besseres wie
    ihr seid kann denen gar nicht passieren. Ihr seid ja die Alternative, über welche die Leute
    sonst vielleicht wirklich nachzudenken beginnen würden. So können sie sich da hinstellen
    und ab und zu fragen: und, wollt ihr etwa lieber die da?

    Was könnt ihr daran tun? Schafft Raum für Neues, schafft euch ab!

    Glaubt mir, Marx wäre, lebte er heute, nicht bei euch, und auch nicht Rosa Luxemburg

    • Schlüter sagt:

      Lieber Chrtistian,
      gerne kannst Du hier Deine Meinung kund tun! Dass sie viele Ungereimtheiten enthält, wird auch Anderen auffallen. Du schreibst: „Die Leute wenden sich von jenen ab, die
      solche rassisch, religiös oder sonstwie definierten Übernationen als zu erkämpfende Paradiese versprechen“. Das findet leider genau in Israel statt! Übrigens, wenn Du meine anderen Beiträge gelesen haben solltest, wirst Du feststellen, dass ich keineswegs die USA als „von Israel“ oder „vom Judentum“ dominiert sehe. Es ist vielmehr eine der Tragiken Israels, sich völlig von den USA instrumentalisieren zu lassen. Im Übrigen, schau mal auf http://www.juedische-stimme.de/ , da findest Du die Positionen, zu denen ich solidarisch bin.
      Schönen Sonntag!

      • Christian Moosbrugger sagt:

        Hallo Schlüter,
        was ich schon mal gut finde, denn das ist tatsächlich links, ist, das kontroverse Meinungen
        bestehen können. Warum aber Israel völlig von den USA dominiert sein sollte, ist mir
        schleierhaft. Es gehört für mich zu den tradierten, letztendlich wohl aus dem kalten
        Krieg zurückgebliebenen Mythen. De facto ist Israel ein Land mit einer hochdifferenzierten
        Meinungsbildung und einem breitesten Spektrum politischer Ansichten. Auch die USA, die
        von einem Obama repräsentiert wird, kann nicht einfach mit derjenigen, die unter Bush
        noch für eine massgeblich aggressivere Einflußnahme stand, verglichen werden. Das
        bedeutet ja noch nicht, das man jetzt alles toll findet, was dort geschieht.
        Was mich frappiert, ist, wie ausgerechnet Linke solche Differenzierungen mit dem großen
        Hobel „Solidarität“ einfach nivellieren, bis die Fugen wieder passen. Die Terroranschläge
        in Israel sind eine Realität. Man muß einem Land, das man als Staat anerkennt, zubilligen,
        sich vor einer solchen Bedrohung zu schützen. Es ist auch eine Realität, das Israel zu
        klein ist, um etwa eine Pufferzone etablieren zu können. Es ist Realität, das von arabischer
        Seite stets wiederholte Aufforderungen eintreffen, die Juden ins Meer zu treiben. Es ist
        Realität, das die Bekämpfung von Israel/USA die einzige Klammer für den Panarabismus
        darstellt, und das die arabischen Nationen im vorderen Orient sonst fast nichts gemeinsam
        haben. Es ist Realität, das die Palästinenser nirgends so verachtet und ausgebeutet werden
        wie in den arabischen Anrainerstaaten, die sie als Opfer des amerikanisch-israelischen
        Imperialismus aufs Panier gehoben haben. Wieso gibt es keine Solidaritätskundgebungen
        für die Palästinenser in Saudi-Arabien, nur für die in Israel?
        Niemals werden diese Fragen auf der Linken diskutiert, wenn man sie stellt, wird man als
        „Pseudolinker“, „rechter Linker“ oder „Büttel des Imperialismus“ diskreditiert, oder der Kontakt
        wird schlicht und mit sofortiger Wirkung beendet. Thats poor, you know!
        Ich bin überzeugt, wenn die Linke sich dogmatisch entkrampfen würde (damit meine ich die
        derzeit medial massgebliche, die aussen wahrgenommene Linke) könnte sie tatsächlich in
        einer politischen Kultur, wo alles binnenwärts zur Mitte drängt, kraftvoll Einfluss nehmen.

        Die Frage ist ja auch, wie essentiell hierfür der Nahost-Konflikt derzeit überhaupt noch ist,
        oder, ob die Linke jetzt gerade dort irgendetwas auch nur im geringsten bewegen oder ver-
        ändern kann, oder aber, ob sie sich mit der Antisemitismusdebatte nicht in eine autistische,
        sinnlose Selbstzerfleischung begibt. Ich glaube, das viele, die linke Politik als Alternative
        wahrnehmen, weil sie von den Verhältnissen überrollt und glattgebügelt wurden, im Alltag
        kaum eine Antenne für den Nahostkonflikt haben, und rein gefühlsmässig eher dafür
        votieren würden, das Israel als Zuflucht für die Verfolgten und im Lichte der Massenmorde
        vergangener Jahrhunderte als Staat, und auch als besonderer Staat, als Idee nicht vom
        Paradies, sondern vom Schutzraum für Notfälle, in erster Linie Aufmerksamkeit verdient,
        und das deshalb sein fraglicher Status als „unsinkbarer Flugzeugträger“ in der Bewertung
        sekundär anzusehen ist.
        Ich glaube, das ihr solche Leute eher verschreckt. Es ist jedenfalls eine Realität, das ihr euch
        ohne Not zum Spielball der Konservativen gemacht habt, das die Lücken, welche ihr am Rand
        und Quer durch die SPD aufgezeigt habt, nicht urbar gemacht wurden, das längst mögliche Wahlbündnisse stets an absurden Grundsatzdebatten gescheitert sind, letztendlich, das auch deshalb weiterhin eine rechtskonservative Regierungshoheit unverrückbar besteht und das Geld fleissig und unwiderruflich von unten nach oben transferiert. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, weisst ja, wer das sagte!
        Weisst du, früher konnte ich auch nicht genug davon kriegen, die Sachen zu diskutieren und
        immer weitere Grundsatzdebatten in diese unsere kleine Welt zu setzen. Mittlerweile bin ich
        aber über vierzig und habe Verantwortung für drei Kinder und sehe all die Leute, denen
        einfach die Energie verloren geht auf ihrem Weg und bei ihrem Alltagskampf, und die sich
        danach sehnen, so wahrgenommen zu werden, wie sie sind und sich fühlen, und für die
        Vereinfachungen keine Verkürzungen bedeuten, sondern Klarstellungen. Die wollen sich
        nicht erst fünfzig dicke Bücher lang in die Geschichte des Nahostkonfliktes einlesen müssen,
        bis sie wissen, ob sie welche wie euch wählen können, oder ob ihr so seid, wie die anderen,
        die zur Wahl stehen, behaupten.
        Ich markiere hier nicht den Helden der Arbeit. Aber eure Diskussionen, etwa um „Antisemi-
        tismus“ wurde euch nicht, wie behauptet, von aussen aufgezwungen. Es ist eine Debatte
        interner Zirkel, ohne jede Not nach aussen getragen, sinnlos, zwecklos, ziellos. Wohin das
        führt, wurde oft genug besichtigt. Welchen Einfluss haben denn Fundis noch bei den Grünen
        oder gesellschaftlich? Sie sitzen immer noch bei uns in dem kleinen Cafe mit ihren Filzhüten
        auf. Ein paar, die ich kenne, nehmen mittlerweile Psychopharmaka. Einige andere leben von
        Hartz IV und fahren weiter ins grenznahe Holland, getrieben von der Furcht, das sich dort wieder die Drogenpolitik verschärft.
        Wollte gar nicht soviel schreiben. Habe an sich gar keine Zeit. Naja, treibt mich um, das
        Thema, merke ich gerade. Wenn man nicht Links ist, bleibt einem fast nur übrig, religiös
        zu werden. Deshalb werde ich mich dagegen wenden müssen, wenn welche sagen, was
        zum linken Kontext zu gehören hat, und was nicht. Wohlgemerkt, man kann sicher Argu-
        mente gegen Israel und für andere Positionen, gegen Siedlungspolitik, für eine Dreistaaten-
        Lösung etc. finden. Wenn sich aber das Links-sein-an-sich nur darüber definiert, das man
        Israel als imperialistisch und die Palästinenser als Opfer Israels wahrnimmt, oder das man
        die Einrichtung der libyschen Flugverbotszone für entsetzlicher hält als den versuchten
        Massenmord des wahnsinnigen Gaddafi an seinem eigenen Volk, das man schliesslich
        Leute wie Cohn-Bendit oder Fischer als Kriegstreiber markiert und verrückt gewordene
        Diktatoren im Gegenzug mit anekdotisch-warmherzigen Biopics würdigt, dann bedeutet
        das alles für mich nicht, das ich nicht mehr Links bin (ein Schluss, zu dem jetzt gerade
        viele kommen), sondern, das hier Demagogie waltet, weche der großen linken Tradition
        freien Denkens nicht würdig ist.

        Mit freundlichem Gruss und in Solidarität mit dem Staat Israel

      • Schlüter sagt:

        Hallo Moosbrugger,
        dass man hier seine Meinung sagen kann, ist mal klar, denn sonst brauchte es keine Kommentar-Seite, oder sie könnte heißen: „hier lässt der Autor sich selbst feiern“!

        Ich habe nicht behauptet, dass Israel völlig von den USA dominiert wird (es gibt ja sogar die völlig in problematische Gegenteil verkehrte Meinung), sondern, dass die USA ein Land, dass eigentlich auf gute Nachbarschaft mit den umgebenden Ländern angewiesen wäre, zum unberechenbaren „Kampfhund“ der Region dressiert hat. Damit ist sogar das „zionistische Projekt“ selbst gefährdet. Israels Sicherheit wird nicht von umliegenden Staaten gefährdet, sondern von der sozialen Besatzungssituation und von der demografischen Perspektive unter den Bedingungen der Besatzung. Die muss gemäß Un-Beschlüssen und Völkerrecht beendet werden. Die israelische Regierung denkt aber auch nicht im Traum daran, die Zwei-Staaten-Lösung umzusetzen, wie z. B. Karten des Immigrations-Ministeriums zeigen: http://www.moia.gov.il/Moia_en/Offices/Map.htm ! Aber auch Israel steht nicht über Völkerrecht und UN-Bschlüssen!
        Es gibt zwar eine „lebendige Diskussion“ in Israel, die bewegt sich aber real zwischen engen Grenzen, wie´s im Kommerzmedialen „Mainstream-Gequatsche“ auch bei uns ist, und natürlich in den USA. Im Übrigen empfehle ich natürlich alle meine Beiträge zum Thema hier zu lesen, dann wird wohl mehr von meiner Analyse klar.
        Sicher ist natürlich, DIE LINKE hat sehr begrenzten Einfluss, aber eine LINKE, die den Antiimperialismus über Bord wirft, hätte diesen Namen nicht verdient!
        Ich befinde mich im Übrigen in völliger Übereinstimmung mit Moshe Zuckermann, was die Einschätzung der Entwicklung zur Nahostpolitik in meiner Partei angeht: http://www.jungewelt.de/2011/06-11/049.php !
        Mit freundlichem Gruß und in Solidarität mit dem „linken Israel“, den linken Jüdinnen und Juden und den um ihre Rechte kämpfenden Palästinensern,

        Andreas Schlüter

    • Christian Moosbrugger sagt:

      Kurze Anmerkung zu deiner Antwort auf meine:
      Der Begriff Zweistaatenlösung ist unzutreffend. Eine Zweitstaatenlösung für das ehemalige
      britische Mandatsgebiet Palästina existiert seit Ende des zweiten Weltkrieges und ist völker-
      rechtlich unbestritten. Was du eine Besatzung nennst, ist das Ergebnis wiederholter und
      massiver Angriffskriege derjenigen, mit denen Israel für dich gute Nachbarschaft pflegen
      sollte, sowie fortgesetzter Terroranschläge, die wahllos die Bevölkerung in den israelischen
      Städten treffen. Solche Art wahllos gestreuten Terrors wurde seinerzeit sogar von extremis-tischen RAF-Sympathisanten abgelehnt. Heute ist es aber wohl „Links“, an solchen wunden
      Punkten einfach überzublenden. Was im übrigen die USA davon haben soll, sich diesen Stress auf ihrem „unsinkbaren Flugzeugträger“ anzutun, erklärst du mitnichten. Auch nicht, das die
      USA überall dort im Bezug auf Öl vitale Interessen haben, sich mit arabischen Nationen gut zu stellen, und dies auch, gegen israelische Interessen, beständig tun.
      Die UN, welche du zum Zeugen für deine Haltung aufrufst, hat übrigens auch die Flugverbots- zone über Libyen beschlossen. Ich habe aber nicht das Gefühl, das du hier dafür bist. Ich wette, du wirst zu dem Ergebnis kommen, antiimperialistisch sei im Bezug auf Libyen eine Verurteilung der dort geflogenen Einsätze der Europäer sowie US-Amerikaner, egal, was die UN sagt. Wer schon mal in Israel war, der weiss, das dort die Bedrohung real und nah ist und der empfindet einen antiimperialistischen Kampf gegen einen solchen Zwergstaat als relativ absurd.

      Wer für das Existenzrecht des Staates Israel ist, muß dem Staat auch einen effektiven Schutz
      seiner Bürger davor, beim Fahren mit dem Bus in die Luft gesprengt zu werden, zubilligen. Man
      kann generell gegen Staaten sein oder postulieren, deren Bedeutung sei mittlerweile schon
      überschätzt. Aber Staaten übernehmen nunmal als wesentliche Funktion den Schutz ihrer Bür-
      ger. Die Westbank und der Gazastreifen sind nicht das Ergebnis Angriffe Israels auf arabische
      Nachbarn, sondern im Gegenteil das Ergebnis imperialistischer Angriffskriege von dieser Seite.
      Das man in israel ebenso bequem im „Mainstream“ dahindümpeln kann wie hier (ein ausreichen-
      des Grundeinkommen mit sicherem Arbeitsplatz vorausgesetzt!) ist eine für mich nicht nach- vollziehbare Ansicht.

      Christian Moosbrugger

  7. klaus janich sagt:

    guten morgen andreas!

    ich erinnere mich an eine junge lady welche ein liedchen trällerte und einen wettbewerb damit gewann. „ein bißchen frieden“ machte mich schon damals stutzig.
    …ein bißchen frieden — was ist das? gibt es frauen die nur ein bißchen schwanger werden?
    ich lerne: „ein bißchen frieden!“ — aber ein bißchen krieg darf schon sein.
    …feministen kämpfen gegen gewalt in der ehe. wo anders gibt es keine?
    ich lerne: „keine gewalt gegen frauen!“ — aber gewalt gegen männer darf schon sein.
    …“die linken“ sind eine antifaschistische, demokratische partei.
    ich lerne: „nazis raus aus den köpfen!“ — aber apartheid gegen palästinenser darf schon sein.
    …es ist schon ein seltsames ding mit der logik.
    ich lerne: „gleiches recht für alle“ — aber nicht für die anderen.

    vor hundert jahren stimmten sozialdemokraten dem panzerkreuzerbau zu. staatsräson stand über der sozialen frage. der kaiser kannte danach „keine parteien mehr, sondern nur noch deutsche.“ die besonders doitschen „bedankten“ sich mit zwei weltkriegen.
    ich lerne: auch unter den linken gibt es wohl beratungsresistente gestalten. traurig, aber wahr.

    beste grüsse! — trotz alledem!
    klaus

    • Schlüter sagt:

      Ja, wie wahr! Besonders das Etikett „beratungsresistent“ scheint mir zutreffend. Trotz aller Erfahrungen mit den Schmutzkampagnen der letzten Jahre, ist die Bereitschaft von zu vielen GenossInnen, über zu viele Stöckchen zu springen, noch viel zu groß!
      Herzliche Grüße
      Andreas

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