Moshe Zuckermann: ein aufrechter linker Mahner

Veröffentlicht: April 3, 2011 in Politik
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Moshe Zuckermann ist Sohn von Holocaust-Überlebenden, bekennender (freiheitlicher) Kommunist, praktizierender Realist und unnachsichtiger Kritiker der israelischen Okkupations-Politik wie der gesellschaftlichen Entwicklung in Israel. Wieder konnte man das Vergnügen (wie den Schmerz über viele dargebotene Fakten) seines eindringlichen Vortrags teilen. Dies war am Freitag, dem 1. April, im Senatssaal der Humboldt-Universität möglich, und konnte auch durch offenkundig aktiv werdenden Mitglieder des BAK Shalom nicht getrübt werden. Der BAK Shalom (Bundesarbeitskreis Shalom der Linksjugend (`solid) in DIE LINKE) ist ja der politische (bei aller nötigen Trennung zwischen Personen und Überzeugungen) Abszess am Gesäß meiner Partei DIE LINKE. So sehr die Herrschaften rethorisch geübt hatten, einen Moshe Zuckermann können diese Leute nicht aus der Spur bringen!

Zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus

Der Vortrag im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) hatte zum Thema: „Zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus“. Wieder einmal machte Zuckermann deutlich, dass diese beiden Phänomene eben keineswegs – wie die Unterstützer der rassistischen und kolonialistischen Politk Israels gerne behaupten – zusammengehören, sondern inhaltlich entgegengesetzte Pole sind. So, wie der Antisemitismus einer rechten Ausgrenzungsideologie entspringt, ist Israel-Kritik auf der Grundlage freiheitlichen fortschrittlichen und sozialen Denkens die notwendige Konsequenz der politischen und sozialen Realität israelischen Regierungshandelns sowie der gesellschaftlichen Entwicklung in Israel. Ungeachtet der Tatsache, das Antisemiten sich natürlich als Israel-Kritiker tarnen können, wer kann sich nicht tarnen? Es gibt auch Antisemiten, die Israel-Unterstützer sind. Hat es nicht Unterstützer des zionistischen Projekts in Europa und den USA gegeben, die die Juden einfach los sein wollten (dies fragt sich hier der Autor)?

Was ist realistisch?

Aber auch etwas Weiteres von großer Wichtigkeit vertrat Zuckermann enerisch: zwar ist auch die Infragestellung der Staatlichkeit Isreals angesichts israelischer Geschichte und Politik keineswegs automatisch Ausdruck von Antisemitismus (konkret besser Antijudaismus, der Autor), aber komplett unrealsistisch. Die Vision eines binationalen Staates mag humanistisch gut begründbar sein, ist aber derzeit völlig obsolet, da sie weder von der überwiegenden Mehrheit der Juden in Israel noch von der überwiegenden Mehrheit der Palästinenser gewollt ist. Dies schließt nicht aus, dass eine Zweistaatenlösung zur Föderation führen könnte.

Nicht ohne Ostjerusalem und die Flüchtlingsfrage

Was Zuckermann ebenso klar machte war, dass eine Staatsgründung der Palästinenser aber nicht ohne die Räumung der besetzten Gebiete der Westbank und Ostjerusalems sowie einer wie auch immer gearteten Lösung des Flüchtlingsproblems zu haben ist. Wird dies versäumt, würde es auf Grund der demografischen Entwicklung entweder den zionistischen Traum eines „Jüdischen Staates“ infragestellen, oder aber zur Etablierung eines offenen Apartheit-Staates führen. Gleichzeitig ist aber die Linke Israels in solchem Schwächezustand, die Rechte so übermächtig, dass ernsthafte Schritte zur Lösung dieser Frage angesichts der Verbindung von Siedlerbewegung und Militär Probleme bis hin zur Bürgerkriegsgefahr heraufbeschwören. Kritisch sei hier angemerkt, dass die Zeit nicht reichte, in den gedanklichen Szenarien die palästinensischen Akteure wirklich ins Kalkül zu ziehen.

Wer gefährdet langfristig die Existens Isreals?

Die entscheidende Konsequenz der zuckermannschen Darstellung war aber diese: Israels langfristige Existenz (kurzfristig ist sie allein durch die starke Atombewaffnung mit ca 200 Atomsprengköpfen komplett gegen staatliche Akteure gesichert) ist nur wirklich durch eine faire und gerechte Lösung des Problems der palästinensischen Staatlichkeit zu sichern. Es sind also tatsächlich die Unterstützer (auch die staatlichen) der präsenten israelischen Politik sowie die Verharmloser der chauvinistischen und rassistischen gesellschaftlichen Entwicklung (die die vielen Teilungen innerhalb der israelischen Gesellschaft gleichzeitig verklammern), die langfristig an der Gefährdung Israels basteln. Und auch die Kriegsgefahr wird durch die verbohrte Politik Israels für mehr als die enge Region erhöht.

Sind die Palästinenser Antisemiten?

Es fehlte die Zeit, die Absurdität dieser Frage wirklich gründlich zu entschlüsseln, denn die Araber stellen die größte Zahl der Semiten, aber es war natürlich der Antijudaismus gemeint, und zwar der, wie er in seiner Art für Europa typisch ist. Und da kam auch wieder die größte Klarheit zutage, für die ein Moshe Zuckermann steht, nämlich die Notwendigkeit, kollektive Antagonismen (insbesonder seitens der zur Ohnmacht verdammten) und ihren sozialen Ausdruck von ideologischen (faschistischen) Konzepten des Antijudaismus´ zu trennen. Wie richtig, dass Zuckermann darauf hinwies, dass nicht selten aus jüdischen Mündern in Israel zu hören ist: „Tod den Arabern!“. Da läge dann – so könnte einem in den Sinn kommen – die Frage auf den Lippen: „sind die Juden Antisemiten?“.  Also: Nebbich!

Andreas Schlüter

Kommentare
  1. Wittig, Siegfried sagt:

    hallo Andreas, bin mit Interesse Deinen Gedankengängen zu den Ausführungen
    von Prof. Zuckermann gefolgt,ich hatte den gleichen Genuss und die gleiche
    Meinung zu BAK Shalom.

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