Mehr als ein Erdbeben, mehr als ein Tsunami, mehr als ein GAU

Veröffentlicht: März 15, 2011 in Politik, Wissenschaft
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Das zweite Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends beginnt mit epochalen Ereignissen. Die erste „Ereignisflut“ begann in Tunesien, setzte sich in Ägypten fort und scheint den ganzen Arabischen Raum zu erfassen. Dabei wird der bösartig-raffinierte Versuch westlicher Dienste, mit einem angezettelten Chaos in Libyen ein „Gegenfeuer“ zu installieren, hoffentlich eine Episode bleiben, auch, wenn es Libyen zerfetzen könnte. Langfristig werden die Versuche des Westens, mehr im Sinne von „Soft-Power“ die arabische Revolution zu unterwandern, orientierungslosen Übergangsregierungen Finanz-und Wirtschaftsgesetze aufzuzwingen oder aufzuschwatzen, um die Menschen des Arabischen Raumes um die materiellen Früchte der Revolution zu betrügen, noch viel gefährlicher sein.

Nun aber ist wieder etwas eingetreten, dass zeigt, dass menschliches Planen und Streben, auf welcher gesellschaftlichen Basis auch immer ersonnen, und auf welche materielle Grundlage auch immer gestützt, nicht der einzige Formfaktor der menschlichen Geschichte ist.

Eine „kleine“ Supermacht schwankt

Am Freitag, dem 11. März, hat im Ostasiatischen Raum die Geophysik zugeschlagen und mit Erdbeben und folgendem Tsunami die jahrzehntelange Wirtschaftsmacht Nr. 2 (die gerade erst unlängst von China entthront wurde) paralysiert. Alles menschliche Schaffen und Streben erwies sich in seinen Produkten als „Kinderwerk“. Bauwerke, Autos, Fischkutter, ja, ansehnliche Hochseeschiffe wurden wie von Neptuns Faust zuhauf geschaufelt und zu Schrott und Müll degradiert. Menschliches Wirken wurde zu Zwergen-Werk degradiert, aber menschliches Leid ins unermessliche aufgetürmt! Mediale Endlosschleifen der Visualisierung konnten die Katastrophe nicht fassbarer machen. Der entscheidende Unterschied in der Betrachtung konnte nur darin liegen, ob man einem selbst nahe stehende Menschen in der Region weiß oder nicht, so allerdings funktioniert die Betroffenheit des Menschen.

Nachbeben, auch schwerer Art, sind für die dortige geologische Situation traurige „Normalität“, inklusive der Gefahr weiterer Tsunamis. Sie können die Bewältigung der Folgen dieser unglaublichen Katastrophe ernsthaft behindern und erschweren, aber menschliches Wirken hat dem „naturgemachten“ Desaster die Gefahr eines noch folgenschwereren Desasters hinzugefügt.

Der drohende GAU

Japans Atomtechnik (55 Reaktoren), wichtige Energiequelle für den enormen wirtschaftlichen Aufstieg, erweist sich als die größte Gefahrenquelle für das schon so schwer gebeutelte Land und in mindestens zwei Atomkraftwerken drohen die Dinge außer Kontrolle zu geraten. Dabei ist die Situation in Fukushima am dramatischsten, wo in drei Blöcken mit der Kernschmelze (dem Schmelzen der Uranstäbe im Druckbehälter) gekämpft wird. Die Betonummantelungen mindestens zweier Blöcke sind bereits zerstört.

Das, was man mit allen Mitteln zu verhindern trachtet, ist das Bersten der Druckbehälter. Träte das ein (was sich bei einem der Behälter abzuzeichnen scheint), würde entweder der Kernbrennstoff in die Atmosphäre oder in den Boden (und ins Grundwasser) geraten, oder gar beides. Das wäre dann der Maximalfall. Zwar ist keine so massive „Entladung“ wie damals Tschernobyl zu erwarten, da dieser Reaktor völlig anders konzipiert ist (und kein Graphitbrand eintreten kann, da Graphit in diesem Reaktor nicht vorhanden ist), aber die Menge des Kernbrennstoffes ist bei drei bzw. vier Blöcken sehr erheblich. Damit würde eine Situation eintreten, die erhebliche Teile des Landes nach heutigen (und zumindest hiesigen) Maßstäben unbewohnbar machen würde.

Warum diese Fixierung auf Atomenergie?

Japan ist bisher das einzige Land dieser Erde, das bisher Atomkriegshandlungen auf seinem Boden erlebt hat, und es erscheint paradox, dass gerade dieses Land so unbedenklich auf diese Technologie setzt. Aber erstens hat dies wohl zu einer perversen Art von „Abhärtung“ geführt sowie zu einer fast schizophrenen Teilung der Gefahren zwischen „kriegerisch“ und „friedlich“. Zweitens ist der Umstand, dass diese Nation kaum über fossile Energieträger verfügt, nicht nur Ursache seiner rücksichtslosen imperialen Bestrebungen im vorigen Jahrhundert gewesen (die westlichen Kolonialmächte hatten doch vorgemacht, wie prima sich die Ressourcen anderer Völker nutzen lassen), sondern nach dem zweiten Weltkrieg auch Antrieb für den massiven Gebrauch von Atomkraftwerken gewesen.

So ist es eine furchtbare Ironie der Geschichte – für die die „normalen“ Menschen wie immer den entsetzlichen Preis zahlen – dass das Streben nach den „vordersten Rängen“ in der „Welthierarchie“ auch die Gefahr des nationalen Untergangs in sich birgt. Hätte man einen japanischen Politiker vor einer Woche gefragt, ob nicht die Abkehr von der Nukleartechnologie geboten sei, hätte er geantwortet: diese Technologie sei „alternativlos“! Wie der fiktive Politiker jetzt denken könnte, hinge wohl auch davon ab, wie weit seine Familie vom Unglücksort entfernt leben würde.

Eine Katastrophe wird zur Superkatastrophe

Eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft Japans droht nun in den Verlust eines erheblichen Landesteils umzuschlagen, schlimmer noch, die Nähe des Zentrums dieses Inselreichs, nämlich des Großraums Tokyo, kann dazu führen, dass eben dieses Zentrum komplett paralysiert wird. Die real sehr „unvollkommene“ Demokratie Japans (über Jahrzehnte war wahlausgangsbedingter Regierungswechsel ein Fremdwort) könnte zusätzlichen enormen Schaden nehmen.

Dabei stoßen wir auf eine weitere Ironie der Geschichte: Deutschland und Japan haben der Welt den entsetzlichen Zweiten Weltkrieg aufgezwungen und dabei unbeschreibliche Verbrechen verübt. Deutschland und Japan sind letztlich durch US-Politik alsbald wieder in den erlauchten Zirkel imperialer Mächte aufgenommen worden. Allerdings hat Deutschland mit einem erheblichen Gebietsverlust und einer jahrzehntelangen Teilung bezahlen müssen, Japan droht dieser Gebietsverlust nun auf Grund ganz anderer Gegebenheiten und es sind nicht mehr des Kaisers „treue Soldaten“, die hier bezahlen, sondern die vom Kapitalismus eingesponnenen „Normalbrüger“, über die die Apokalypse so hereingebrochen ist, dass einen nur fassungsloses Mitgefühl schütteln kann.

Es knirscht im pazifischen Gebälk

Unabsehbar sind nun allerdings die Folgen für den ostasiatischen und Pazifik-Raum. Im geostrategischen Macht- und Wirtschaftspiel, dessen Partner-Gegner USA und China neben den Gegensätzen so verflochten sind, dass Analytiker bereits von „Chimerica“ sprechen, hat Japan immer eine vielschichtige Rolle gespielt. Einerseits war es über lange Zeit die Konkurrenzkeule, mit der das US-Kapital seine Arbeiter zu Hause botmäßig machen konnte (dazu dient heute China), andererseits war Japan ein wichtiger Machtfaktor eben gerade China gegenüber. So hat man lange mit Japans Ambitionen hinsichtlich eigener Atombewaffnung „gerechnet“. Man konnte seitens der USA dem „Partner-Gegner“ China gegenüber auch eine regionale Macht in Stellung bringen, die Situation China gegenüber „komplizieren“, Chinas nicht ganz rationale Ambitionen Taiwan gegenüber dämpfen und vieles mehr.

Japans stagnierende Wirtschaft hat unglaublichen Schaden genommen, aber diese Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind jedenfalls gering im Verhältnis zu den Auswirkungen, die die komplexe Ostasiatisch-Pazifische Balance erleben wird.

Ein Menetekel

Eines wird auch deutlich: alle Allmacht-Phantasien, die imperiale Politiker (gerade in den USA) hegen mögen, treffen in solchen Naturereignissen wie die Erdbeben und dem Tsunami, die jetzt Japan getroffen haben, einerseits ihre Begrenzungen. Ob sie vielleicht auch von solchen Szenarien mit gespeist werden könnten, damit werde ich mich an dieser Stelle demnächst noch beschäftigen. Wieder aber hat sich gezeigt, Gewinn- und Profitstreben mögen die technische Entwicklung erheblich vorangetrieben haben, aber sie treiben auch die Katastrophen mit an, und Naturkatastrophen dieses Ausmaßes sind bestimmt nicht von einer Gesellschaft menschenwürdig zu bearbeiten, die in erster Linie auf diese individuellen Strebungen setzt.

Andreas Schlüter

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