Festung Europa

Veröffentlicht: Februar 20, 2011 in Politik
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Eben noch die halbherzige (oder gänzlich geheuchelte) Euphorie der deutschen Politprominenz über die Volkserhebungen in Tunesien und Ägypten, aber nun, nachdem knapp 3000 Menschen aus Tunesien nach Lampedusa „machten“, kommen eilig die eigentlichen Anliegen der politischen Handlanger von Macht- und Wirtschaftsinteressen zutage. „Festung Europa“ fordert der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, als hätte er nicht genug damit zu tun, ordentliche Arbeitsbedingungen für die Angehörigen der Polizei zu erstreiten. Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass die Polizeigewerkschaft weniger als Kampforganisation für Mitarbeiterinteressen denn als politisches Sprachrohr für „Sicherheitsinteressen“ gedacht sei.

„Wir können nicht die Probleme der ganzen Welt lösen!“, tönt auf bekannt verhalten einschmeichelnde Weise der „Gentleman“-Innenminister Lothar de Maizière, sekundiert von Wolfgang Bosbach (ebenfalls CDU), der klarmacht, „dass sie nicht auf Dauer in Europa bleiben können“. Na, das wäre ja noch schöner, womöglich bringen sie auch noch den Virus des arme-Bürger-Protestes mit, der sich mit dem hiesigen, eher auf Stuttgart21 gerichteten Protest vermischen könnte.

Nun, das hört sich so plausibel an: „wir können nicht die Probleme der ganzen Welt lösen“, auch wenn man bei den Aktionen wie der Verteidigung von Deutschlands Freiheit am Hindukusch (ein Slogan, den schon „Bismarcks soziademokratischer Wiedergänger“ Struck prägte), der Jagd auf durch westliche Überfischung arbeitslos gewordene somalische Fischer-Piraten oder der grunsätzlichen „Sicherung der Rohstoffwege und Wirtschaftsinteressen weltweit“ (wie sträflicherweise vom ehemaligen Bundespräsidenten offenbarte) einen anderen Eindruck bekommen möchte. Nein, alle Probleme können sie nicht lösen, aber alle Probleme, die westlichen Kapitalinteressen hinderlich sind, die wollen sie lösen, dafür werden sie schließlich bezahlt.

Aber, Probleme, mit denen man nichts zu tun hat, nicht lösen zu wollen, ist eine Sache – wie man das moralisch auch immer bewerten mag – eine andere Sache ist es, für Probleme verantwortlich zu sein, die man mit verusacht. Auch die Folgen des Kolonialismus wären hier nur schwer hinzuzuziehen, wenn er wirklich vor einem halben Jahrhundert zu Ende gewesen wäre. Nein, er ist keineswegs zu Ende. systematisch hat man die „gewährte“ Unabhängigkeit gleich wieder bekämpft, ausgehölt, korrumpiert, seine Handlanger installiert, wie Mobutu, Suharto,  Bokassa, Mubarak, Ben Ali, oder aber auch geneigte neue Freunde an sich gezogen, wie Ghaddafi, oder lanciert gegen Verwirrte wie Gbagbo in der Elfenbeinküste „good old fellows“ wie den Amerika-Zögling und Karrieristen des Weltwährungsfonds, Quattara. Das „Herz der Westlichen Finsternis“, den Kongo, haben nicht nur der „Leopoldsche Privatkolonialismus“ vor über hundert Jahren acht bis zehn Millionen Menschenleben gekostet, nein, es sind auch nach der Unabhängigkeit viele Millionen dazugekommen. Sklavenarbeit, von durch den Westen bezahlten Warlords organisiert, sichert billigen Zugang zu Diamanten, Gold, Mineralien wie Coltan (für Computer und Handies) und vieles mehr. Ganz Afrika ächzt unter dem vom Westen organisierten „Land Grabbing“, der Anneignung großer Ländereien durch westliche Konzerne mit Hilfe gedungener Polit-Clowns.

Ja, selbst das Wasser hat man sich mit Druck des Weltwährungsfonds und anderer „internationaler“ Organisationen angeeignet, wie das, was im Meerwasser schwimmt. Auch das, was unterm Wasser wie unterm Land in großen Mengen ruht, das Öl steht im besonderen Fokus der Gier. Was im Golf von Mexiko noch Skandal ist, eine alles bedrohende Naturkatastrophe durch Ölpest, ist im Nigerdelta der „normale“ Preis, den die „Schwarzen“ für das heutige mobile Glück der Weißen (und für die Klimakatastrophe heute in der Sahelzone und morgen überall) bezahlen müssen. In vielen Teilen der Welt tragen dann hinterhältige Machenschaften des US-Konzerns Monsanto mit Gen-Saat und anderen Machenschaften zum Elend und zu unser aller Nachteil bei.

Das Elend, das westliche Kapitalinteressen in vielen Teilen der Welt, aber besonders in ganz Afrika, erzeugt, führt natürlich dazu, dass Menschen  versuchen, dorthin zu gelangen, wo ihr Reichtum hinfließt, nach Europa, sozusagen im Sinne der physikalischen Osmose. Da hatte man aber nun so nette Diktatoren in Nordafrika, die sich dingen ließen, die gepeinigten schwarzen Menschen einzufangen (auch in früheren Jahrhunderten hatte sich Europa schon teils darin geübt), um sie zurück in die Wüste zu schicken, die sie gerade eben mühsam durchquert hatten. Und nun brechen die Regime dieser Handlanger weg! Und die, die sich eben von ihnen befreit haben, weigern sich, das weiter zu betreiben, ja, suchen selbst teils dem von ihren Plagegeistern verusachten Elend nach Europa zu entkommen. das ist schon eine echte Misere!

Aber eines muss ich feststellen, wäre ich Afrikaner, dann würde ich denken:

Festung, ja gut, aber „Festung Afrika“!

Andreas Schlüter

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