„Verantwortung verpflichtet!“

Veröffentlicht: Februar 16, 2011 in Politik, Wissenschaft
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Unter diesem Motto findet sich die offizielle Website des Kriegsministers (offiziell wie verschleiernd „Verteidigungsminister“ genannt) Karl-Theodor zu Guttenberg im Netz. Wie weit sich sein Verantwortungsgefühl als Bundestagsabgeordneter in seinem akademischen Treiben niedergeschlagen hat, wird nun durch Berichte (Süddeutsche Zeitung) problematisiert.

Das er als „Homo Politicus“ dem akademischen Werdegang nur sekundäre Bedeutung zugewiesen hat (er hat nur das erste juristische Staatsexamen abgelegt und darf daher auch nicht als Anwalt arbeiten), ist mehr als legitim. Es gibt nicht wenige Politiker, die als Nichtakademiker Beachtlicheres geleistet haben als man dies von vielen akademischen Titelsträgern behaupten kann.

So weit so gut! Schwierig wird es, wenn man dem Motto folgt, „wasch mich, aber mach mich nicht nass!“. So kam der Bundestagsabgeordnete Guttenberg, Spross einer schwerreichen (viele Millionen schweren) Adelssippe, Mitglied des „Transatlantischen Netzwerkes“ sowie anderer Vereinigungen und Funktionsträger in diversen Bereichen, dann doch auf den Geschmack, dass der Doktortitel eine Zierde wäre. Und nach sebst eingeräumten diversen Schwierigkeiten (kein Wunder, bei so einer Fülle von Aufgaben, denn der Mann ist neben seiner Mitgliedschaft im Bundestag ja auch noch im Kreistag des Landkreises Kulmach) beendete er 2006 seine Dissertation und wurde 2007 zum Dr. jur. promoviert, und zwar trotz aller Schwierigkeiten nicht „mal eben so“, sondern „summa cum laude“, mit höchstem Lob für seine wissenschaftliche Arbeit. Politisch wurde er 2009 zum Wirtschaftsminister und bald darauf (nach der Wahl) zum  „Verteidigungsminister“ „promoviert“.

Nun ist es dumm gelaufen! Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte nicht nur die grundsätzliche Kritik des Bremer Professors Andreas Fischer-Lescano an Guttenbergs Dissertation mit den Plagiatsvorwürfen, sondern auch einige der inkrimierten Textstellen und der Referenztexte. Da fällt auf, bei einigen Stellen ist noch Einiges an Wortveränderungen vorgenommen worden, an anderen Stellen äußerst wenig: http://www.sueddeutsche.de/app/subchannel/politik/guttenberg/ . Abgesehen davon, dass das Urteil „summa cum laude“ für eine unter Zeitdruck und angesichts vieler anderer Aufgaben erstellten Arbeit äußerst überraschend ausgefallen ist, kann der Umstand der nicht gekennzeichneten Zitate (im Volksmund Plagiate) schwerwiegende Folgen haben.  So sieht der § 16 im Absatz 2 der Promotionsordnung seiner Universität Bayreuth ggf. die Ungültigkeitserklärung der Leistung vor:

„(2) Wird die Täuschung erst nach der Aushändigung der Urkunde bekannt, so kann nachträglich die Doktorprüfung für nicht bestanden erklärt werden. Die Entscheidung trifft die Promotionskommission unter Beachtung der Art. 48 ff. des Bayerischen Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 23. Dezember 1976 (GVBI S. 544).“

Moralischer Einschub: es gibt heute wie gestern viele Studenten aus mittellosen Familien, die unter sehr schweren Bedingungen neben ihrem Studium hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen und ihren studienmäßigen Verpflichtungen unter großem Zeitdruck nachkommen müssen. Da ist es zwar akademisch unzulässig, aber moralisch kaum allzu schwer zu bewerten, wenn bei Seminararbeiten oder auch sonstwie „a bisserl“ geschlampt wird. Es ist der erfolgreiche Abschluss des Studiums, der den lockenden Ausweg aus materieller Misere in Aussicht stellt, auch, wenn vielleicht nachher doch nur ein Job als Taxifahrer herauskommt. Dem erfolgreichen Abschluss als Ausweg aus materieller Not steht hier nun der erfolgreiche Abschluss als „Schmuck und Zierde“ eines schwerreichen und politisch erfolgreichen Mannes gegenüber. Aber ich hege den Verdacht, dass gerade die Mitglieder von Guttenbergs Klasse da ein bisschen „Schummeln“ als einen Kavaliersdelikt ansehen, aber, man darf sich nicht erwischen lassen!

„Dem Ergebnis der jetzt dort erfolgenden Prüfung sehe ich mit großer Gelassenheit entgegen. Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt“, sagt Guttenberg laut Spiegel. Vielleicht hat der Mann sich ja versprochen und meinte eigentlich: „Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen abgegeben“.  Vielleicht hatte er ja mental bereits die Position eines Professors eingenommen, der sich ja auch nicht so selten scheut, für eine Veröffentlichung auf umfangreiche Zuarbeit von wissenschaftlichen Mitarbeitern und studentischen Hilfskräften zurückzugreifen. Wenn nun wissenschaftliche Mitarbeiter, die er ja als Abgeordneter hat und die er ja schließlich bezahlt (und in seiner Klasse ist es gang und gäbe, sich die Früchte der Arbeit anderer anzueignen), für ihn an seiner Dissertation gearbeitet hätten, wäre es dann nicht so, als stamme sie von ihm selbst? Man könnte sich das vorstellen, es sei hier aber ausdrücklich angemerkt, dass das keine justiziable Feststellung, sondern eine reine Hypothese ist. Fahren wir mit einer weiteren Hypothese fort: wäre es dann vorstellbar, dass solche „Mitarbeiter“ ein bisschen laxer vorgehen und vielleicht etwas leichtfertiger mit der „Paste“-Funktion umgehen, wenn sie der kleinen verbalen Veränderungen überdrüssig sind? Das wäre in der Tat schlimm, man hätte ihn „betrogen“, wo er doch nach bestem Wissen und Gewissen davon hätte ausgehen müssen, dass die Jungs (und vielleicht Mädels) sauber gearbeitet hätten. Aber was wäre dann zu machen? Sollte man sie verklagen? Hülfe nichts hinsichtlich des eigentlichen Problems. Aber nochmal, reine (und vielleicht etwas böswillige) Hypothese!

Jetzt steht der Kriegsminister vor großen Aufgaben, er kann seine militärischen Fähigkeiten als Führer eines Vielfrontenkriegs unter Beweis stellen. Aber eines trübt meine Freude über seine Gelegenheit zu großen und ruhmreichen Taten:

Nicht nur Leute meines (linken) Schlages freuen sich diebisch, auch unsere Kanzlerin und vielleicht ein gewisser Herr Seehofer mögen sich ganz im Verborgenen die Konkurrentenhändchen reiben, schade!

Andreas Schlüter

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