Zeitreise (über den Roman „a Man oft he People“ von Chinua Achebe)

Veröffentlicht: Dezember 26, 2010 in Literatur, Politik
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Endlich habe ich es wiedergefunden, im Studentenzimmer meines Sohnes, eines meiner Lieblingsbücher, “A Man of the People“ von Chinua Achebe!
Es wird das fünfte Mal gewesen sein, dass ich es jetzt gelesen habe und wohl kaum das letzte Mal. Zu tief zieht dieses Buch mich in die Zeit zurück, als dass es seine Faszination verlieren könnte.
Über zwanzig Jahre dürfte es her sein, dass ein Freund aus Ghana es mir zum Geburtstag schenkte, aber es geleitet mich viel weiter zurück, in die Zeit, als ich Ende der Sechziger in Hamburg mein Studium begann und alsbald in die sich ausdehnende afrikanische Gemeinschaft integriert wurde. Heute mag dieser Ausdruck von der afrikanischen Gemeinschaft befremden, doch unter den Studenten gab es sie damals, als noch nicht fast jedes afrikanische Land so viele Vertreter in Hamburg hatte, dass man noch nicht einmal seine Landsleute dort kennen konnte.
Aber zunächst zurück zum Buch, dass ich hier besinge. Bescheiden auf knapp eineinhalb Hundert Seiten kommt die Novelle der “African Writers Series“ von Heinemann daher, auch, wenn sie mit einem Blick auf den imposanten Bösewicht des Buches, den ehrenwerten Minister Chief M. A. Nanga beginnt, den “zugänglichsten Politiker des Landes“ Nigeria.
Diesen jovialen und schillernden Minister hat der Ich-Erzähler, Odili Samalu, in der Schule als Lehrer gehabt, an der er nun selbst unterrichtet, der Anata Grammar School. Dort wird ein Besuch des großen Mannes mit viel Pomp und Kriecherei vorbereitet und mit gewaltigem Getöse der örtlichen Jägergilde, die etwas anders vorzustellen ist, als ein deutscher Schützenverein, zelebriert, wenige Jahre nach der Unabhängigkeit Nigerias.
Von vielen Entwicklungen im neuen Staat mit seinen hohen Erwartungen an die Unabhängigkeit bereits nicht wenig verunsichert und ein mittlerweile reservierter Beobachter, kann sich der junge Lehrer, der anders als viele seiner Kollegen ein Universitätsstudium absolviert hat, dann aber der Verführung des Augenblicks nicht entziehen. Als sein nun so prominent gewordener eigener Lehrer sich seiner erinnert und ihn plötzlich in das Scheinwerferlicht zieht, um ihn wie einen alten Freund zu behandeln und schließlich in die Hauptstadt einzuladen, eine Zeit im Gästebereich seines imposanten Hauses zu verbringen, ist er eigentlich Feuer und Flamme.
Wundervoll die schlichte Sprache der auf Englisch geschriebenen Geschichte, auch, wenn sich die im Pidgin gehaltenen wörtlichen Einschübe nicht alle voll erschließen.
Was mich so in den Bann zieht, ist die Vertraulichkeit, die Achebe so spielend mit dem Leser herstellt. Ohne in eine offenherzige Geschwätzigkeit zu verfallen, bringt er den Leser seinem Helden, der fraglos in erster Linie er selbst ist, nahe. Er stellt seine Gefühle sowie die allgemeine Situation so plastisch dar, dass man in seine Haut zu schlüpfen meint! Zu diesem Aspekt aber später mehr.
Unser junger Lehrer, der übrigens gerne seine Studien in England weitertreiben möchte, macht nun in seinen Ferien Gebrauch von dieser Einladung, nicht zuletzt, um seiner Freundin Elsie, einer Krankenschwester, einen komfortablen Unterschlupf für eine erhoffte gemeinsame Liebeszeit bieten zu können. Aber er macht die Rechnung ohne den Wirt, der ihn leider durch großmännischen Donjuanismus zu einer Darstellung seiner Beziehung als von einer gewissen Beliebigkeit verleitet.
Die erste Zeit verbringt Odili allein im Hause des großen Mannes, dessen Korruptheit der Held an vielen Beispielen sieht, sich aber zum stillen Beobachter machen lässt, dessen moralische Stimme durch Vertraulichkeit erstickt wird. Ähnlich “großartig“ wie seine Korruptheit zeigt sich auch Chief Nangas Inkompetenz, noch “still vergnügt“ von Odili registriert.
Minister Nanga, dessen Frau mit seinen Kindern einen Besuch in ihrem Heimatdorf durchführt, sollte eigentlich durch eine Freundin Elsies ein wenig “aufgeheitert“ werden, die aber erkrankt und Odili, seine Freundin und der joviale Minister fahren zu dritt in das Anwesen, wo Nanga Elsie im Schlafraum seiner Frau einquartiert. Odilis Selbstberuhigung, der täte das, um Elsie vor dem Fahrer Peinlichkeiten zu ersparen, erweist sich bald als trügerisch, denn anstatt, dass Lehrer Samalu seine Freundin heimlich in sein Gästezimmer lotsen kann, muss der junge Mann mit brennendem Herzen feststellen, dass Chief Nanga Elsie nicht nur das Zimmer seiner Frau zur Verfügung stellt, sondern auch sich selbst! Und, zu seinem tiefen Schmerz muss er auch hören, dass Elsie seinen eigenen Namen nicht aus Hilfsbedürftigkeit, sondern orgiastischer Gewohnheit schreit!
Mit enormer Meisterschaft schafft Achebe es, dass man sich wie Odili fühlt. In einem wütenden Auftritt muss sich der Arme vom Chief auch noch die Schuld für das Geschehen zuschieben lassen! Wer würde nicht auf Rache brennen!
Die Gelegenheit scheint sich in mehrfacher Hinsicht zu bieten. Ein alter Freund Odilis namens Max, Anwalt und ebenso von Korruption, die der Gehörnte nun auch wieder deutlich sieht, angewidert, ist dabei, mit Freunden und von östlichen Geldgebern unterstützt, eine neue Partei aufzubauen, die bei den Parlamentswahlen Nangas Verein Feuer machen soll. In seinem Wahlbezirk wird Odili Nanga als Kandidat entgegentreten.
Noch delikater aber, Lehrer Samalu hat durch die Frau Nangas, die ihn von seinem ersten Besuch her als Freund der Familie sieht, Kontakt zu einem jungen Mädchen, Edna, aufnehmen können, sie ist als Zweitfrau des großen Mannes vorgesehen. Ist es verwunderlich, dass unser Held an eine doppelte Rache denkt?
Nun, die Sache mit Edna erweist sich naturgemäß als kompliziert und sperrig, dafür entwickelt sich der politische Rachefeldzug vielversprechend. Selbst sein Vater, mit dem es viele Probleme gibt und der ein Parteigänger Nangas ist, unterstützt de facto Odilis Engagement.
Allerdings muss Odili feststellen, dass es auch in der eigenen neuen Partei bald zu einigen bedenklichen Entwicklungen kommt. Aber angesichts der subtilen wie offenen Gewalt, mit der sie sehr schnell behandelt werden, tritt dies in den Hintergrund.
Dann macht Odili aber einen lebensgefährlichen Fehler! Er besucht inkognito eine Wahlveranstaltung seines Erzfeindes, der ihn dort entlarvt und schließlich der Brutalität seiner Meute von gekauften Speichelleckern ausliefert. Schwerverletzt erwacht Odili am Wahltag im Krankenhaus. Es ist zu spät, an der Wahl teilzunehmen.
Sein Freund Max ist von Parteischlägern in Gegenwart eines Parteifreundes und Ministerkollegen Nangas, Chief Koko, mit dem Auto umgebracht worden, worauf Max´ Freundin Chief Koko erschossen hat. Schwer ist das Schicksal über die jungen Idealisten hergefallen!
Aber die alten Bösewichte triumphieren nicht im Erfolg, denn neue Hungrige greifen nach der Macht und ein Militärputsch bringt sie um ihre so skrupellos festgehaltenen Pfründe. Und auch Odilis persönliches Elend wendet sich. Edna erkennt im letzten Moment den Wert des jungen Mannes und er erobert ihr Herz!
Nicht ohne Ironie ist die Ankündigung des Ich-Erzählers, er würde die Kosten für die Heirat von den in seiner Hand verbliebenen Parteimitteln leihen, die wegen des Putsches nicht so schnell benötigt würden. Es gelingt Achebe auch hier meisterhaft, die Verirrungen der Korruption durchsichtig und das Hinübergleiten in diese Verhaltensweisen menschlich zu machen, womit er uns einen tiefen Einblick in die Fallstricke des “Nation Building“ gibt.
Ganz ungeheuer dicht ist diese Erzählung durch ihre Erzählerperson. Auf ein glaubwürdige gesponnenes Szenario hat Achebe sich selbst reagieren lassen und diese Reaktionen penibel beschrieben. Er hat nicht nur die realen Konflikte exemplarisch beschrieben, sondern auch die junge intellektuelle antikoloniale Persönlichkeit zu individuellem greifbaren Leben erstehen lassen, hat in sie hineinschauen lassen!
Was aber macht mir dieses Buch so sehr zur Zeitmaschine? Nun, es war eben die Zeit meines Studienbeginns an der Universität Hamburg, wo ich das Glück hatte, eine ganze Reihe optimistischer und idealistischer junger Menschen aus diversen afrikanischen Ländern kennen zu lernen, die mir so freundlich Einblick in ihre Person gewährten. Was ich entdeckte, war eine mir höchst verwandte Sehnsucht und Stimmungslage. Ich hatte das Glück, soviel über Kindheit und Jugend meiner Freunde zu erfahren, dass sich mir viel vom Leben in der Endphase der Kolonialzeit wie der frühen Zeit in den neu entstandenen Staaten erschloss. Ich kann es nicht anders ausdrücken, diese Gemeinschaft wurde das Umfeld, das mir den Prägestempel eines Zugehörigkeitsgefühls aufdrückte, das mich in meinem weiteren, nun sechsundfünfzig Jahre währenden Leben nicht mehr verlassen sollte.
Im Rückblick kann ich umso vehementer die einzigartige “zeichnerische“ Begabung, die dieses Buch mit seiner überzeugenden Geschichte geschaffen hat, preisen und feststellen, dass Nigeria über einen weiteren würdigen Kandidaten für den Literaturnobelpreis verfügt, der dem verdienten Preisträger Wole Soyinka mindestens ebenbürtig ist. Auch seine übrigen Romane, nicht zuletzt ein bewegender Reigen durch die Geschichte der Ibo-Gesellschaft von der Endphase der Eigenständigkeit bis zum Ende des offiziellen Kolonialismus´, halten das Versprechen dieses Buches, auch wenn aus verständlichen Gründen nicht die Innensicht der Hauptperson erreicht werden kann, wie in diesem Roman. Hier erlebt der Autor direkt in der Gestalt des jungen Helden.
Dreieinhalb Jahrzehnte liegt diese Jugendzeit, in die dieses Buch mich zurückführt, nun zurück und Afrika zeigt ein grauenvolles Bild, das die in “A Man of the People“ gezeichnete Atmosphäre fast als Idylle erscheinen lässt. Dennoch ist diese heutige Wirklichkeit im Buch bereits angelegt. Das Werben von ausländischen Firmen und Einflussagenten, Korruption und Militärputsch, alles ist schon da, wenn auch leutseliger. Aber entscheidend ist die angelegte Gewalt, die von bärbeißigen Leibwächtern und wildgewordenen Fans größenwahnsinniger Polit-Clowns, denen westliche Interessenten die Machtmittel an die Hand geben, über eine brutale Soldateska, die ihre Verhaltensweisen aus den Kolonialarmeen übernommen hat, schließlich fast folgerichtig zu gedopten Kindersoldaten führt!
Und nun stehen die Kräfte, die in der Vergangenheit die Übel zielstrebig gefördert haben, gierigen Blicks auf Uran, Gold, Kupfer, Diamanten und Coltan schauend, bereit, auf Hilferufe aus der Hölle hin “die Dinge in Ordnung“ zu bringen!
Allüberall in Afrika möchten sie die Konflikte so “effektiv“ handhaben, wie sie zum Beispiel den Nahostkonflikt verwalten. Lösen ist nichts, dabei sein ist alles!
Rührend, das Engagement, das mitfühlende und gutherzige Europäer aus Kunst und Kultur für humanitäre Maßnahmen aufbringen. Denen, die bereits in der Hölle aus Bürgerkrieg und AIDS aufs schwerste gelitten haben, können sie nur Gutes tun. Aber wehe, wir würden glauben, dies brächte die Lösung!
Mindestens genauso wichtig ist es, gnadenlos die Machenschaften von Reichen und Mächtigen aus den “Gewehr bei Fuß zur Hilfe bereit stehenden“ Staaten anzuprangern, die Haifischkapitalisten, die bluttriefende Diamanten gegen neues Schießwerkzeug eintauschen, zu entlarven und last not least die verlogenen WTO-Bürokraten aus den reichen Ländern, die von Globalisierung schwätzen, wo es ihnen nützt und gleichzeitig jede eigene bäuerliche Wählerstimme damit umwerben, dass sie den Bauern der “Dritten Welt“ nicht gestatten, ihre Produkte wettbewerbsfähig bei sich zu verkaufen, auf die Füße zu treten. Vielleicht tun manche rabiaten Demonstranten von ATTAC doch mehr für Afrika als Herbert Grönemeier!
Wir müssen gegen einen neuen “Vietnamkrieg“ protestieren, einen, der nicht nur von einer wildgewordenen Militärmaschinerie im nahen und mittleren Osten ausgefochten wird, um den Preis eines in den Wahnsinn gesteigerten Terrorismus, gegen einen Krieg, der von der Gier nach immer mehr und immer Neuem von großen Teilen unserer Wirtschaftsgesellschaft in vielen Teilen der Welt, gerade in Afrika, gefochten wird, den indirekt leider viele Menschen, die es nicht ahnen, mittragen.
Aber, wer die Erzählung mehrschichtig liest, der entdeckt auch etwas weiteres Erschröckliches! Lange haben recht seriöse westliche Politiker ihre Haifischkapitalisten in Afrika, Asien und Lateinamerika wüten lassen, in der Hoffnung, damit die sozialen Kompromisse im Inland, die sie aus Angst vor dem Kommunismus geschlossen hatten, finanzieren zu können. Nun reibe ich mir nicht ganz verdutzt die Augen, und stelle fest, beim Blick auf unsere eigenen Politiker, wir sind von Nangas regiert und “opponiert“!

Andreas Schlüter (geschrieben ca 2003)

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