Eiszeit

Veröffentlicht: Dezember 25, 2010 in Literatur, Politik
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Mit unwohlem Gefühl betraten Mutter und Vater das Sprechzimmer, in dem man ergründen wollte, warum der Sohn keine Gymnasialempfehlung von seiner Grundschullehrerin erhalten hatte.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Eltern ihren Kindern mehr Fähigkeiten zutrauen, als diese vielleicht besitzen. Dennoch, gut konnte sich der Vater nicht nur daran erinnern, wie der Sohn mit zehn oder elf Monaten auf dem ausgelegten Bettlaken gesessen hatte und, zu faul zum Krabbeln, mit hoheitsvollem Gesicht das Laken mit den begehrten Spielsachen zu sich heranzog! Ja, hatte nicht einer seiner eigenen Professoren in einer Prüfung zu ihm gesagt: “Sie sind intelligent, aber faul!“. Verhängnisvollerweise hatte er es allerdings zu sehr als Kompliment aufgefasst. So war sein Studium etwas lang und kompliziert geraten, wenn auch zu einem guten Ende gelangt.
Auch hatte der Vater sich daran erinnert, wie der vielleicht Achtjährige ihn eines Morgens im Badezimmer mit dem Ausspruch begrüßt hatte: “Daddy, was ich dich schon immer fragen wollte: warum bin ich ich?“. Einige Zeit hatte er sich genommen, seinem Sohn zu erklären, dass dies eine der schwierigsten Fragen menschlichen Denkens und eine der Grundfragen der Philosophie sei!
Nein, mit dieser Empfehlung für Haupt- und Realschule konnte man sich nicht arrangieren! Auch dann nicht, wenn der Sohn von seinem Vater die Möglichkeit zur Faulheit geerbt hatte. Und die Zeit, da der Sohn nach recht problemlosem Durchlauf des Gymnasiums in der zwölften Klasse nach der Trennung der Eltern ernste Schwierigkeiten bekam, lag noch in weiter Zukunft.
Ja, mit seiner ersten Grundschullehrerin hätte man sehr vertrauensvoll sprechen können, aber diese herzerwärmende junge Frau hatte ihr zweites Kind bekommen und das Pult einer anderen jungen Kollegin überlassen.
Der saß man nun gegenüber und drehte sich mit ihr im Kreise. Oder war sie in der Position eines Arztes, der Gott gleich, seinem Patienten das vernichtende Urteil unterbreitet? Man hatte für sein Kind keinen Anspruch auf eine Gymnasialempfehlung, wollte man sich in den Geruch von Leuten bringen, die nur nach Prestige trachteten? Diese Frage stellte die Lehrerin nicht, aber sie hing in der Luft.
Hin und her ging es und mancher verstohlene Blick war zwischen Mutter und Vater gewechselt worden, die beklemmende Frage austauschend: “hat es irgendeinen Zweck?“.
Zum Glück wusste man, es ging nur um eine Empfehlung, der man letzten Endes folgen konnte oder nicht. Man würde ohne die Lehrerin nachdenken müssen!
Hier würde man keine Klärung erreichen, aber man hätte sie gerne gehabt! Dann aber kam sie! Man war dabei, sich innerlich von dieser Auseinandersetzung zurückzuziehen, da setzte die junge Frau ein merkwürdiges Engelslächeln auf:
“Und bitte denken Sie nicht, es hätte etwas mit der Hautfarbe Ihres Sohnes zu tun“, sagte sie und die Augen im dunklen Gesicht der Mutter weiteten sich, während sich die Augen im nur mäßig gebräunten Gesicht des Vaters zu Sehschlitzen eines Panzers verengten, beide jedoch blickten durch einen Eispanzer, so dick wie Grönlandeis, aber so klar und durchsichtig, dass jeder kleine Flecken auf der blassen Haut der Lehrerin sichtbar war.
Dann fuhr sie fort: “nein, ganz und gar nicht, ich habe eine Putzfrau aus Ghana!“.

Ich hoffe, dass mein Sohn nie wieder solchen Menschen ausgeliefert sein wird!

Kommentare
  1. Mel Möhring sagt:

    Mir wird schlecht, wenn ich das lese. Und heute ist es natürlich noch immer so. Wir kleben neue Namen analthergebrachte Vorurteile und fühlen uns TOTAL tolerant. Und glauben durch das eingehen auf ‚Schwierigkeiten der hier lebenden Migranten ‚ seie ihnen geholfen. Komisch nur das die hellhäutigen Zuwanderer nicht die gleichen Probleme haben. Schon mal dunkelhäutige Standesbweamte,Gerichtsvollzieher, Gymnasiallehrer getroffen? Aber selten.
    Das Problem ist hier und es ist nicht importiert.
    Grüsse, Melanie

    • Schlüter sagt:

      Liebe Melanie,
      Auch mir wird noch schlecht, wenn ich an die Situation denke. Die Auseinandersetzung mit diesen Gruselphänomenen des Rassismus gehört zu meinen prägenden Lebenserinnerungen seit 47 Jahren! Ich konnte damals entdecken, dass „wir“ (Der Westen, das von den USA gelenkte Deutschland) keineswegs „die Guten“ waren (und sind). Der „Sieg über den Faschismus“ hatte diesen keineswegs eliminiert und bestimmt nicht den Rassismus besiegt!
      Herzliche Grüße, Andreas

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