Beliebte Schlagwaffe: Die demografische Keule

Veröffentlicht: Dezember 23, 2010 in Politik
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Umfangreich schreitet der Sozialabbau in unserer Gesellschaft voran. Rente mit Siebenundsechzig, Nullrunden für Rentner ohne Ende zusammen mit der Zerstörung des deutschen Rentensystems, Demontage des Gesundheitswesens und vieles mehr. Nicht nur im ersten Fall ist das beliebte Totschlagargument die vielzitierte “demografische Entwicklung“. Dies bedeutet: es gibt zu viele Alte und zu wenige Junge, die arbeiten. Außerdem werden die Alten immer älter. In der Tat ist das Älterwerden der Menschen und der Geburtenrückgang eine unbestreitbare Tatsache und wer könnte da also widersprechen? Ob aber die behauptete Konsequenz berechtigt ist, das muss an anderen Indikatoren gemessen werden.

Ja, der Arbeitsmarkt

Millionen Arbeitsloser haben angeblich HARTZ IV erzwungen. Aber, Moment mal, wäre es nicht logisch, dass die demografische Situation eine Vollbeschäftigung erzwingen würde, wenn sie alles so dramatisch aus dem Gleichgewicht bringen würde? Wir brauchen mehr Kinder, die bald für die vielen Alten arbeiten sollen? Die Alten müssen länger arbeiten? Wo sind die Arbeitsplätze? Aber wir haben Jugendarbeitslosigkeit. Nun, vielleicht haben das Fernsehen und die Ballerspiele ja die Jungen arbeitsunfähig gemacht. Da würden ja die älteren Arbeitnehmer hoch im Kurs stehen! Pustekuchen, die sind erst recht nicht mehr gefragt. Hier taucht wohl ein erstes Indiz auf, dass irgendetwas nicht stimmt.

Ja, die Zuwanderung

Wäre ein Land, dessen größtes Problem der Geburtenrückgang ist, nicht ein klassisches Einwanderungsland? Würden nicht wenigstens alle Menschen, die die deutsche Sprache erworben hätten oder sie schon in ihrem Heimatlande erlernen würden mit offenen Armen aufgenommen, vielleicht nicht aus Liebe, aber aus Not? Es gibt nicht wenige Menschen, die trotz brauchbarer oder gar guter Deutschkenntnisse von Abschiebung bedroht sind. Nichteuropäer werden nach erfolgreichem Studium nicht nur aus Sorge um ihre Heimatländer eilig hinaus gedrängt.

(fast) alles Unfug

Keine Frage, für den Bereich der emotionalen Zuwendung den Alten gegenüber durch Kinder und Enkel stellt die demografische Umstellung durchaus ein Problem dar. Aber die behauptete sozialpolitische Konsequenz ist eine faustdicke Lüge. Wir haben einen enormen Produktivitätszuwachs aus der sozioökonomischen Entwicklung heraus, der die demografische Entwicklung mehr als ausgleicht. Aber er muss durch gesellschaftliche Steuerung der Lösung des Problems zugeführt werden.

Andreas Schlüter

Artikel in der “ DIE LUPE“, Bezirkszeitschrift von DIE LINKE.Berlin-Tempelhof-Schöneberg, März 2008

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